Prolog von “Tanz die Hand”

Das Kind sitzt auf einer Decke, die Decke liegt im Garten – unter einem Baum, in dem ein Buchfink gerade einen anderen anmacht über Gesang. Es ist Nachmittag. Mai! Kiri, so heißt dies Kind, ein Mädchen mit kohlerabenschwarzem Haar und vielen Sommersprossen, aber nur im Gesicht, überlegt. Wie sie, ohne Leid zu verursachen, zurück zum Haus kommen könnte, das überlegt sie. Nicht sie hat die Schmerzen; sich verlegen, versessen, oder Ähnliches … Kiri – will keine Insekten platttreten, das ist es.

Doch 2001 ist Kind Kiri ohne Handy, ohne Google. Kann, ja kann ein Insekt Schmerz denn überhaupt empfinden? Und falls nein, griff dann nicht sein Leben, das – auch wert wäre?

Und die Zehnjährige denkt in diesem Moment – an eigentlich alle Insekten auf der Erde. Akut aber an die von der Decke bis hin zum Haus. Die dort kreuchen und fleuchen. Die sie herniedertrampeln könnte, würde sie irgendwann nach drinnen gehen und oh, sie will so gerne ein Schlückchen Kirschbrause aus dem Kühlschrank …

Kiri legt sich hin. Mit dem Bauch flach drauf auf die Decke, und stemmt die Ellenbogen in die Wolle. Stützt Kinn auf Hände, summt eine Melodie mit mit den Finken, denkt – nach.

Und es wird Abend und sogar 21 Uhr: Kiri muss rein. Es ist zwar morgen gar keine Schule, doch irgendwann muss sie ja hinein und jetzt gerade wird es bereits feucht, ein – guter Anlass.

Und auf der Decke im Garten unter dem Walnussbaum, zehn Meter entfernt vom Haus, kommt Kiri der Einfall. Einfach – gaanz vorsichtig – einen Weg pflastern! Beim Pflastern hochaufpassen, kein Insekt zu quetschen und zu zerquetschen, und dann, so denkt Kiri Murmuri, immer noch stark die Kirschbrause wollend, könne sie ja wieder rein und alle Leute den Garten von da an nur noch auf eben solchen Wegen auch passieren. Man könne vielleicht noch ein paar mehr anlegen, so nach und nach, so geht es ihr durch den Kopf. Und vielleicht auf der ganzen Welt? Ja, am besten auch – auf der ganzen weiten Welt!

Kiri denkt an Mutter und Vater, die in der Nacht im Scheinwerferlicht von Baggern und weiteren Baustellenfahrzeugen – wer weiß, was es zu so einem Pflastern braucht – im Garten einen Weg für die Insekten machen – und für Kiri; natürlich!

Doch dann sieht Kiri die Mutter, die sie sich schnappt, sie unterm Po nimmt und hereinträgt, ins Haus, so dass sie selbst, Kiri, nicht auf den Boden kommt, so aber die Mama! Kiri wäre wohl auch nicht gegangen. Sie weiß kaum, wie ihr geschieht. Ein barbarisches „Nein“ kommt aus ihrem Mund, und: „Wir müssen einen Weg ebnen!“ Es fragt die Mutter noch, wieso, und Kiri sagt auch, wieso, die Mutter ruft den Vater, der soll es auch wissen, und aber Kiri rennt zur Toilette und noch während sie auf der Kloschüssel sitzt, kommt der Groll gegen die Eltern in ihr hoch.