Keine 5 Minuten

Teilautobiografische Erzählung

Für B.

Inhalt:

Keine 5 Minuten

Kein Interesse, Peiniger!

Und ein Verzahnen im Kopf

Zufall?!

Die Steigerung von Angst oder Tod und alle seine Freunde

Zur Arbeit

Ein Hund für Skeila

Stalking

Hallo Dunkelheit, mein alter Freund – und hallo auch dir, du, Kai!

Ausgebüxt

Zu Hause

 

Keine 5 Minuten

Der Suizidversuch hatte andere Gründe. Es war eben nicht, dass tausende psychotische Symptome hundertfach massiv auf sie einprasselten. All das machte Skeila hart. Machte nicht den Selbstmordversuch. Am Nachmittag des 17. Mai stellte Skeila auf ihrer Anlage Coldplay an. Als „Yellow“ gespielt, die weißen gesteppten Gummistiefel schon an waren, ging sie aus dem Haus und stieg in ihr Auto. Ziel: ein Hotel gleich neben dem Krankenhaus. Falls etwas schief laufen sollte; wie es dann auch war. Skeila, sie hatte aus Großbritannien ganz viele Tabletten bestellt. Ganz viele: Das wurde entscheidender Punkt. Denn so viele, wie die letale Dosis gewesen wären, konnte sie nicht einnehmen; begann bald, die weißen Drops im hohen Bogen wieder auszuspucken. Es kam jedoch nicht alles wieder raus und aber Skeila wollte nicht stunden- oder tagelang im Hotel vor sich hinvegetieren, um hinterher schwere Schäden davonzutragen. Was hätte das noch aus ihr gemacht?! So lief sie zur angrenzenden Klinik. Dort sagte man ihr, der zweite Wirkstoff wäre gefährlicher im Abbau. Sie dachte an die vielen Tabletten des Kombipräparates im Klo. Die Zimmertür hatte sie nicht abgeschlossen; keine Zeit. Ihre Tasche ohne Inhalt hatte sie mitgenommen, doch die Arzthelferin gab später nur ein Kompliment zu den weißen gesteppten Gummistiefeln ab. „Sehen schön aus.“ Dann ging es in den Krankenwagen. In ein anderes Krankenhaus. Als Skeila eine Lösung trank, die Erbrechen und noch mehr herbeiführen sollte, machte sie einen schwarzen Schatten hinter den geschlossenen Türen des Wagens aus. Ist er das schon? War’s das?! Dann tatsächliche Schwärze. Skeila dämmerte weg …

Ein Blasenkatheter wurde angemacht, vereinzelt Blicke, Stimmen! Doch weit weg. Eine Frau fragte, „wieso haben Sie so viele Tabletten auf einmal genommen“. „Wollte den Thrill“, sagte Skeila. Kaufte man Skeila ab. Auf der Intensivstation … Ein paar Tage später durfte sie das Krankenhaus verlassen. Kein weiteres Auffangen; dafür ein weiterer Schrecken! Nach einem Aufwachen am Morgen: überall Blut. Um ihr Gesäß! Doch es war gar nicht die Zeit für eine Regelblutung. So ließ sie es untersuchen. „Mache ich nur Ihretwegen“, ließ die Ärztin verlauten. „Es IST Ihre Regel“. Und dann fasste sie Skeila in den After. Sie sagte vorher Bescheid! Dann fasste sie Skeila in den After. Außerdem musste sie Unmengen an Urin in ein Gefäß lassen: Sie hockte dabei auf einem Untersuchungsstuhl für Gynäkologie. Klappte eh gerade nicht so mit dem Urin. Aber ein riesiges Gefäß voll schaffte sie da. Und es kam – und kam noch mehr, immer immer mehr – und fühlte sich dabei ganz seltsam an. Es WAR dann auch die Regel. Nicht ein durchschossener Verdauungstrakt, wie Skeila spekuliert hatte. Die Mutter kam zu Besuch. War fast ohnmächtig vor Sorge. Wollte das scheinbar aber nicht so durchgucken lassen. Neben dem Bett noch die weißen gesteppten Gummistiefel.

Skeila, in ihrer ersten Episode, sie konnte nicht mehr einfach dasitzen. Auch nicht einfach da liegen! Sie konnte nicht eine Suppe normal essen. Kein Bier genießen. Was war, war Psychose. Es gab keinen Unterlass, keine 5 Minuten. Sie stemmte sich dagegen, sie bäumte sich auf, sie tat das alles viele Male, immer im Glauben, irgendwann – ist es vorbei. Doch es ging weiter. Weiter und weiter ging es über sie ankeifende Stimmen, über Monster an der Wand, über sich immer wieder neu bildende Geschichten, und irgendwann, es war gar nicht so spektakulär da, eher so, dass sie die Zeit für einen Gedanken eben hatte, war’s um Skeilas Glauben geschehen. Von da an: wollte sie sich töten.

Schon auf ihrer Reise in Los Angeles schaute sie nach Brücken, auf ihren Reisen in München nach Hochhäusern. Noch in LA begann sie, die Tabletten zu bestellen. Ließ sie in ihre Bleibe bei der Oma schicken, DAS gerade machte das neugierige Geschöpf nicht auf, und dann orderte sie noch einmal von dort aus nach. Die Stimmen im Kopf: Sie waren auf einmal einen entwaffnenden Funken natürlich. „Tu es nicht“, so sie. „Tue es“, so Skeila … „Meinst du nicht, dass hier etwas sehr schief laufen muss, und dass es sehr traurig wäre?!“. „Ja“.

 

Kein Interesse, Peiniger!

Ihre ersten Tabletten „Neuroleptikum“ hatte sie schon bekommen. Sie nahm sie ein paar Monate. Doch sie zeigten nicht ihre Wirkung. Zeigten sie nicht. Zeigten sie nie.

Zeigten sie eigentlich auch nicht, als Skeila begann, wieder zu arbeiten. Ein Unternehmen stellte sie zur Mustererkennung ein. Sie war bei den Großeltern. Auf dem Land war sie. Fourier-Gleichungen gab es hier nicht zu lösen. Hier gab es Muster zu erkennen. Oder eben nicht. Oder Dinge herauszustellen, die durch die Muster fielen. Skeila fand alles fulminant öd. Ein eigenes Büro gab es auch nicht mehr. Es gab Kollegen – und die saßen ziemlich sehr neben ihr. „Der könnte man mit dem Brieföffner den Skalp abmachen“, sagte eine Stimme, als Laura gerade mit einem Kaffee an den Platz kam. Skeila schluckte: war schockiert. Und es hatte hier Skeila einen Abstand zu der Stimme: zu den Hinweisen aus dem Wahn auch. Hätte sie ihn nicht gehabt, hätte dann Laura bald ihres Zopfes entbehrt? Und ihres Lebens auch noch? Es war keine direkte Aufforderung, aber Skeila, schließlich, hatte immer gemacht, wie ihr „zugetragen“. Das halbe Jahr. Und doch, Bestandteil war nie, anderen Person Schaden zuzufügen. Das war jetzt. Und jetzt war Abstand; alles neu! Vielleicht Schutzmechanismus. Vielleicht das Wesen des Menschen. Skeila skalpierte nicht. Konnte sich nicht identifizieren. Doch hatte sie etwaige Ideen von nun an im Kopf, getränkt vermutlich aus den Nachrichten und der Evolution; übriggebliebene Schnipsel aus der Weltgeschichte, ins Unterbewusstsein geflattert und da wieder raus.

Punkt des Umschwunges vielleicht ein Psychiateringespräch. Skeila wurde in der PIA aufgenommen: PIA, das ist kurz für : psychiatrische Institutsambulanz. Dort bekam sie eine Ärztin, und die Ärztin sagte „Sie sind krank“. Skeila, die erst Jahre später; erst, als sie begann, sich auseinanderzusetzen, nach der genauen Diagnose fragte, verstand hier sofort. Ließ sich die Tabletten verschreiben; die, die nicht halfen. Und es muss, es kann nur so gewesen sein, dass sie von da an – partiell verstand, das, was da war, war da gar nicht.

 

Und ein Verzahnen im Kopf

Es entstand ein Zwiespalt, den sie viele Jahre nicht abzulegen in der Lage war. Ganz an die Krankheit zu glauben fiel schwer. Ganz an die Geschichte AUS der Krankheit zu glauben, ging ebenfalls nicht. Und so kommunizierte Skeila nachts mit den Grusel-Gestalten und nahm danach ihre Tabletten ein. Steuerte immer gegen. Wurden die Symptome gar zu munter, so legte sie drei bis vier Tage Pause ein, in denen sie sich von Terminen freischaufelte und die von einem Medikament geprägt waren: Tavor. Wenn Tavor nicht mehr half, ging Skeila in die Klinik. Sie STEUERTE jedenfalls dagegen und dagegen, war nie dafür; immer nur dagegen.

 

Zufall?!

Es war schwer, an die Psychose zu glauben. Wenn Skeila an der Bushaltestelle saß und über ein Auto für sich nachdachte, fuhr zuerst ein Volvo-SUV vorbei, ihr Traumauto zufällig; der Wunsch. „Und was krieg‘ ich“, so Skeila – in Gedanken. Dann ein MINI, er, für Skeila, symbolisierte, dass sie nur Kleines bekommt, immer; zudem, dass sie Stil hat, wenngleich es nicht dieser war. „Und wird alles immer gut gehen“, so Skeila weiter. Dann der schwarze VW Passat, Kennzeichen: TS-189. Tod der Skeila, einmal Achtung, bitte bitte bitte, sagte ihr die Zahlen-Buchstaben-Kombi, und der Auto-Kombi, so in Schwarz, symbolisierte nichts weniger, als einen Leichenwagen. Das war Skeilas Psychose, war sie immer. DAS waren die Zufälle. Es KAMEN nur drei Autos vorbei. Drei Gedanken, drei Fahrzeuge darauf. Und wieder einmal passte alles zusammen; das als Zufall?!

Es gab auch Abstufungen. Saß sie auf dem Toilettendeckel, rauchte eine, sinnierte sie – zu ihrem Leben und das, was dazu gehörte und oft redeten die beiden Waschmittelflaschen mit. Wolle und Feines stand links und bedeutete „nein“. Color, das stand rechts, symbolisierte „ja“: Wichtig auch, was Skeila aus den Augenwinkeln sah, streifte sie einfach mit dem Kopf kurz vorbei. Eine Wahrnehumg von rechts nach links, und es meinte „nein“. Von links nach rechts – das hieß „ja“ oder auch „hin zur Treue“. Du hast etwas gemacht, das jemand anderes vielleicht nicht gut finden könnte? Hin zur Treue oder auch er muss dir nun ganz treu sein. Das hat Skeila sich nicht ausgedacht. Das war einfach in ihrem Kopf ab einem Tag. Und dann den ganzen anderen.

Irgendwann, es dürfte der Frühling in 2013 gewesen sein, bemerkte sie etwas. Bemerkte einen Elan, einen Tatendrang – warum nicht mal die Tabletten weglassen?! Und getan …

 

Die Steigerung von Angst oder Tod und alle seine Freunde

Die Absatzpsychose, das ist ein Wort: Und es offenbart es nicht. Offenbart nicht die Angst – der vier Tage. Sie gingen in die Geschichte der Skeila ein, wie nichts zuvor. Da sie die größte Angst ihres Lebens da hatte.

Zuerst war noch noch mehr Elan! Dazu die Kreativität! Aber das ist typisch für die ersten Tage des alleinigen Absetzens der Tabletten, das heißt ohne „go“ eines Psychiaters oder einer Psychiaterin, und Skeila hatte auch keins.

SIE – hatte auf einmal einen schwarzen Fleck im Heimbüro – diffus! Und schwarz! Sie saß in ihrem Wohnzimmer, bei den Großeltern war das. Und die Großeltern mussten auch alsbald nach oben kommen. Kommt, wir spielen Karten. Sie hatte schon gemerkt, dass die Welt wieder einmal nicht das war, was sie sein sollte. Doch der Fleck … Der Fleck bereitete ihr Sorge. Wann würde er wieder verschwinden?! Er hatte eine sehr große Anziehungskraft. Fast wie ein Massepunkt. Sicher würde er gehen, wie er gekommen war. Aus der Erde, hochzirkuliert wie Schlagsahne zwischen einem angeschalteten Mixer im Pott. So lange können wir ja Karten spielen!

Die Großeltern kamen, Skeila stierte immer wieder in den Flur, der zum Büro führte. Dann stierte sie zum Flur, weil auch der Fleck da zu sein schien: der Kreis.

Runter konnte sie am Ende nur noch, weil der Fleck sich verkleinert zu haben schien. Mehr Punkt! Gleiche Masse … Er war DA auch gerade im Schreibtischzimmer.

Skeila, unten in der Diele, ging in die Stube. Der Kreis war in der Diele. Sie wusste es klar, wusste es – überdeutlich, und kauerte sich ganz hinten an die Sofalehne ran. Blieb da bis in die Nacht. Die Großeltern kamen dazu, sie schauten fern, „Let’s Dance“! Die Serie würde Skeila auf immer im Gedächtnis bleiben. Das, obwohl sie nur so schemenhaft ablief, ganz am Rande war; so nebenher. Skeila starrte auf den Fleck, er kam auch mal in die Stube, im Tisch war er da, und Skeila hatte starre Angst. Sie wusste nicht, was Todesangst war. Dachte aber: Das hier wird es wohl sein (wenn es nicht noch mehr ist). Und die Angst ging nicht vier Tage und die Nächte kamen ja auch noch hinzu, wo Skeila auch in der Wohnstube unten bei ihren Großeltern schlief, je nur etwa drei Stunden, und die Oma musste sich daneben legen … Leider schien sie wie zu zerfallen, zu Staub zu zerfallen und zu sterben dabei auch noch. Skeila lag direkt neben ihr. Schaute nicht hin dann, denn weg – konnte sie nicht, da war der Fleck.

Sie fuhr ins Krankenhaus. „Ich möchte hier bleiben“. „Wir können Ihnen auch Tavor mit nach Hause geben“. OK. Doch sie lief vom Parkplatz geradewegs zurück und dem jungen Arzt in die Arme, er umarmte sie wirklich, „nein, bis nach Hause, da schaffe ich es nicht“. „Wollten Sie mit dem Auto“; „ja, schon“.

Skeila kam wegen geringer Kapazitäten auf die Station der Abhängigkeitserkrankten. Sie dachte, sie ist abhängig von Ted, dem Internetschwarm aus LA, verstorben schon. Sie kam auf ein Zimmer, da war noch eine Frau. Die war viel im Bett, nicht so bei den Unternehmungen, wie auch Skeila da gar nicht hin musste. Die Frau sah im Schlaf aus, wie der Teufel. Die Schwestern sahen wie Zombis aus, eigentlich zu billig für Skeilas Fantasie in der Psychose, aber sie sahen nun so aus und eine von ihnen gab Skeila jeden Abend Akupunktur. Bis Skeila sagte, nicht mehr zu wollen, sich das traute, aber gut an kam es nicht. „Machen Sie das doch mit! Wozu bieten wir das denn hier an?!“. Hatte wohl eine Weiterbildung gemacht, die Schwester; extra und vielleicht hatte man sie dazu aus dem Kollegium groß anstubsen müssen. Doch wozu die Schmerzen, es ergab keine Wirkung und Skeilas Probleme, sie waren auch übermächtig; der nächste Tropfen auf dem heißen Stein …

Irgendwann sollte sie doch zum Nordic Walking, sollte sie doch zum Ausdruckstanz. Skeila tanzte, doch im Kopf war Traurigkeit. Auch das Nordic Walking machte sie mit – gehetzt von Dämonen, auch von Teufeln, gehetzt von Zombies und einem Horrorkind. Dann fuhr sie wieder nach Hause. Sie wurde diesmal abgeholt. In dem hippen Rucksack neben ihr: das Horrorkind Minou Minou.

Skeila legte den Rucksack auf die Fußmatte.

Als sie zu Hause waren, schmiss sie ihn weit weg. Gut, dass die Großeltern das nicht sahen, die ja hätten sie nach den zweieinhalb Wochen sicher direkt wieder zurückgebracht. Dann ging es durch die Tür. „Ist es nun weg, aushaltbar besser wenigstens, ich war doch in der Klinik, habe alles gemacht …“ Und weg war es aber nicht, der Eingang ins Haus war wie mit einer schattenhaften Kreatur schon belegt und Skeila dachte, nein, nein, bitte nicht (Hilfe). Im Haus dann alles überzeichnet: die Äpfel, die Teller und auch die Tassen in der Küche. Alles schien zu vibrieren und Skeila da schnappte sich erstmal ein Buch, ging in die Stube, die Stube der Großeltern, und legte sich vor den Kamin.

Minou Minou kam dazu (Diele). Skeila war es zum Verzweifeln. Minou Minou, gesehen konnte sie nie werden. Aber sie war da. Zum Beispiel in der Diele. Oder in einem Rucksack. Da und dann mal wieder weg. Dann wieder da …

Aushaltbar besser war es also auch nicht.

 

Zur Arbeit

Auch das erneute Arbeiten war nicht schön. Doch niemand da wusste von ihrer Krankheit: Sie musste wieder hin.

 

Ein Hund für Skeila

Boxer war so eine fixe Idee, umgesetzt sofort und ohne Unterlass in die Tat. Skeila dachte, das wäre schön für sie; ein Hund. Was es wurde! Was es nicht wurde. Boxer, der Weimaraner, war ein komplizierter Hund. Das stand auch schon in der Rassebeschreibung, zu der sie dachte „es ja ist sowieso jeder Hund nochmal verschieden: Bestimmt suche ich meinen Hund gut aus, so dass er gut zu mir passt“. Doch Pustekuchen! Boxer war Weimaraner. Und die sind alle so. So toll – IN erfahrener Hand.

Skeila hatte nur eine unsichere Hand, diese Person war von Unsicherheit durchtränkt – bald war es auch ihr Hund. Boxer bald war kein Hund mehr und Skeila kein Mensch mehr. Sie gab ihn weg. Ein Intensivtraining mit endlich einer Hundeschule konnte sie aufgrund ihrer Negativsymptomatik – keine Kräfte – und auch ihren Nerven, ganz am Ende, nicht mehr schaffen, obwohl sie anfangs Boxer noch für eine zweieinhalbstündige Fahrt jede Woche ins Auto setzte und mit ihm nach Hamburg in eine besondere Hundeschule fuhr. Als sie einmal wegen Kopfschmerzen das Training absagte, sagte die Trainerin IHR ab. So würde das nichts. Gleiches ließ der Trainer in Lübeck verlauten. Auch er mit tadellosem Ruf. Und Skeila gab ihren Boxer weg. Er ging nach Süddeutschland, wo sie ihn auch einmal besuchte in einer chaotischen Fahrt mit dem Auto ohne Pause einmal quer durch Deutschland, dafür mit Symptomen. Er hatte es gut da.

Auch in dem Jahr, in dem Boxer bei Skeila lebte, ging es eine Stunde täglich auf die Wiesen, an den Strand, oder in den Wald. Doch kann ein Weimaraner über Bewegung nicht ausgelastet werden, was er braucht, ist Nasenarbeit. Als Skeila das – zu spät – las, fuhr sie mit Boxer zu einem Mantrailingseminar nach Köln. Die Trainerin: „Dieser Hund ist so unsicher, dass er gerade nicht weiß, ob er mich beißen soll, oder nicht“.

 

Stalking

Was Skeila schon eine ganze Zeit machte da, war beinahe Stalking. Sie hatte mal Kai geschrieben, ihrer Jugendliebe. Das war in Facebook, eine kurze Nachricht, wie es ihm ginge. Als nichts folgte, schrieb sie weiter. Bald wurden es lange Nachrichten und immer längere, alle in Facebook und in immer kürzeren Abständen. „Nicht so oft“, schrieb Kai einmal wie heiser zurück. Sie hielt sich daran.

Irgendwann begann Kai, über Häkchen unter den Texten mit Skeila zu kommunizieren; ein wenig, so viel das über Häkchen unter Texten eben möglich ist. Er musste kleine Tricks anwendet haben, um die Hoheit über die Skeila angezeigten Häkchen zu bekommen: DIE dann hatte er eben angewandt. Wenn Skeila etwas Wichtiges hatte, konnte er zögern und noch mehr. Er konnte anzeigen lassen „gelesen“ oder „erreicht“ oder „zugestellt“, na, und einmal blockierte er sie, wollte damit etwas sagen, das Skeila auch verstand, und deblockierte sie wieder.

Skeila wusste, der will das auch. Das zeigte sein „nicht so oft“, da man „aber sonst ok“ mitliest, das zeigte dumpf die Auflösung der Blockade, und das zeigten die Häkchen, wie sie herausfinden konnte, eindeutige Kommunikation und einmal nicht Teil Skeilas Wahngebildes.

Nur sie war manchmal wie getrieben, ihm zu schreiben, einer Erklärung entbehrte sie nicht. „Ich hatte lange kein Gehör“, dachte Skeila, und schrieb über ihre neuen Schuhe, über das Schauen von Pornos, und über ihre dritte und letzte Episode, da schrieb sie auch.

 

Hallo Dunkelheit, mein alter Freund – und hallo auch dir, du, Kai!

Direkt aus ihr heraus, aus … dem Krankenhaus, schrieb sie Kai. Skeila, sie hatte das Weggeben von Boxer nicht verkraftet, fand sich auf einmal an ihrem Stubenfenster stehend wieder, die erleuchteten Fenster des gegenüberliegenden Hauses anzustarren, hinter einem jeden schien ein kleines Märchen für sie abzulaufen, und da ließ sie sich diesmal von den Großeltern in die ihr bekannte Klinik fahren. Der Arzt schaute traurig. Schon wieder hier?!

Skeila wurde auch aufgezogen beim Klinikaufenthalt, anderthalb Wochen ging der und Skeila hatte zu jeder Tages- und Nachtzeit ihr Handy dabei – da Kai es war, der drin war.

Half.

Dies auch die erste Episode, in der Skeila einige Tage nicht mehr richtig denken konnte. Sie war fast weg. Konnte dem Artikel in der Zeitung kaum noch folgen. Hörte nicht mehr, was sie selbst sagte. Alles neu, nur die Angst blieb.

Als Skeila von den Großeltern wieder einmal abgeholt wurde, alles zuckte noch, aber sie hatte Angst vor der Zimmernachbarin und entließ sich, da stand an der Straße auf einmal ein Reh. Es war erstarrt. Skeila würde auch nach Jahren nicht wissen, ob es wirklich da war, oder ob das ein Symptom war. Ihrer späteren Meinung nach hatte der Opa noch angehalten. War ein entrücktes Bild.

Wieder Zuhause einen wahnwitzigen Nachmittag arbeiten, aber alles flackerte, Skeila konnte kaum noch gucken. Eine körperliche Halluzination? Sie hatte in der Zeit seit Ausbruch ihrer Erkrankung eigentlich alles, auch zum Beispiel tuckernde Augenbrauen als körperliche Halluzination und ein Fiepen wie bei Tinnitus als akustische. Letzteres konnte anschwillen. Die ganze Wohnung mit einem hohen Ton versehen, einem Rauschen: Hintergrund-Rauschen.

Sie hatte es auch noch, als sie schließlich in Art Alltag angekommen war. Eine Zeit war noch schwierig gewesen, es wurden da Skeilas Tabletten umgestellt, was in Symptomen mündete, die als Mehr als sonst erschienen, nur aber eine Episode nicht wurden, und Skeila meisterte auch dies, das war ungefähr zeitgleich mit ihrem Antrag, sich berenten zu lassen aufgrund voller Erwerbsminderung, was auch was wurde. Sie hatte nur im Leben nicht viel arbeiten können. Die Rente allein reichte nicht hinten, die Rente allein reichte nicht vorn und so kam eine Hilfe vom Staat hinzu, alles zusammen in der Höhe von Hartz IV und mit Auflagen.

Skeila konnte mit dieser Hilfe aber aus der Wohnung im Haus ihrer Großeltern ausziehen.

 

Ausgebüxt

Die neue Wohnung in Wismar war klein. Schön, das war sie auch. Skeila, seit jeher mit einem Auge für Visuelles gesegnet, richtete sich mit wenigen Mitteln ein und hatte bald eine Wohnung im industriellen Stil. War total cool dort für sie. Nur nachts plagten alle Male mal die alten Geister zusammen mit immer einer guten Portion Angst. Es sah da Skeila Gesichter und Figuren in Klamotten auf der Kleiderstange, es kommunizierte sie mal mit dem Teufel am Fenster, aber immerhin an den Tagen, an denen sie sich weiter mit der Mathematik beschäftigte, hatte sie weite normale Abläufe. Stimmen etwa fünfmal am Tag. Leise. Eine halbe Minute je. Kaum noch etwas, das nervte. Der „Tinnitus“ kam noch bei Stress, und überhaupt hatte sie keinen hoch angelegten Toleranzbereich ihm gegenüber. Wenn Stress war, waren auch Symptome. Hatte Skeila einmal am Tage was, so war das kein Restpositivsymptom, sondern ein Warnzeichen. Sie dann steuerte mit Tavor gegen und einem Streichen von Terminen aus dem Kalender. Je für drei bis vier Tage. Half jedes Mal.

Es gab es, es geschah auch Neues. Sachen, wie sie sie in den drei Episoden nie hatte, wie ihr nahe Figuren in Lebensgröße und sich bewegende nahe Figuren. Die Psychose erfindet sich immer wieder neu, das wusste sie schon, aber DAS machte ihr doch Angst. Vorahnung für den nächsten Schub?

Auch eine Negativsymptomatik gab es. Skeila hatte keine Kraft, merkte jedoch bald, dass buddhistische Gehmeditation half, was es durch die Bewegung an der frischen Luft machte; Aktivität führte wieder zu Aktivität. Manchmal konnte sie sich nicht zur Körperpflege aufraffen. Manchmal aber war sie jeden Tag mehrere Stunden unterwegs, das kam immer so, wie diese Negativsymptomatik es erlaubte.

Regelmäßig aber fuhr Skeila nach Berlin: ob sie Kraft hatte, oder nicht. Wenn sie dann je wieder in Wismar angekommen war, musste sie vor Freude weinen. Auch wenn sie manchmal am Bahnhof fast aus den Schuhen kippte, weil sie nicht mehr gekonnt hatte.

 

Zu Hause

Skeila lernte auch jemanden kennen. Dass er blieb, und dass sie beide immer gesund sein würden, das wünschte sie sich. Außerdem wollte sie nie wieder die Angst aus den vier Tagen.

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