Fragmente


Kein Puter aber Scooter

Ihr Aasfresser! Amber brüllt durch eine offene Tür des Dönerladens. Die Gäste sind starrend. Mann hinter der Theke: Komm. Mal. Her. Durchdringend Blick! Amber, schnellend in die andere Richtung, läuft schon. Ausladend, als würde sie in irgendeiner Verbindung mit der Realität stehen. Im kleinen Flur zur Ruhe kommend, steht da Karl und klatscht.

Sie bekommen einen Lachanfall. Eigentlich jeder einen, die sie zuerst zu unterdrücken suchen. Doch schwillt es an zu einem großen, und Amber sagt, ich zerspringe, und Karl sagt das auch, dann gehen sie in seine Wohnung. Sie ist klein, und einen Moment ist sie ganz Lachen.

Und platzt auch die Welt? Einzuleiten unsere Leben, in denen wir mit uns selbst beginnen, vielleicht nicht enden, aber vielleicht auch enden. Amber sitzt im Schneidersitz auf Karls Bett, das gleichzeitig seine Couch ist, das Bettzeug hat er zu einer Lehne gerafft.

Wir waren schon Aasfresser, als wir noch nahmen, was die Hyäne uns übrigließ, die wir nun verachten in allen unseren Kulturen. Amber sagt das. Karl setzt sich zu Amber. Offenbart: Wir waren auch mal Pflanzenfresser. Viel deutet darauf hin, das Einspeicheln der Nahrung mit Abbau von Stärke zum Beispiel. Und die fehlende Eigensynthese von Vitamin C. Denn es war immer vorhanden.

Er macht jedem ein veganes Sauerkraut-Remouladen-Roggenbrot und sie hören Hyper, Hyper, Karl bewegt die Arme abwechselnd hoch und wieder herunter, wie eine Schere, dabei singt er. Und dein Sauerkraut ein fermentierter Weißkohl, weiß Amber. Er lacht, vollbracht.

all I want for christmas

Sie hat rotes Haar. Sitzt im Rollstuhl. Nippt immer an irgendwas. Meist ist es starke selbstgemachte Limo. Heute trägt sie nur Wäsche, Bustier und hoher Slip. In Lila. Was toll zu ihren Haaren. Was toll zu ihrem Teint. Was toll zu ihren Händen, ja, denen, mit der Limo darin.

Und sie stellt sie ab. Die Limo hin. Hebt die Arme. Wie ihr Achselhaar sichtbar wird, ihr grünes Bauchnabelpiercing, habe ich das Bustier aus, ziehe ihr das Nachthemd an, überall. Es ist sehr einfach. Aus Baumwolle weiß, steif. Bis zu den Waden, und ich lege sie ins Bett. Klara, noch eine Geschichte. Ich erzähle Sam von Mönchen. In der Wüste Negev. Von Frauenrechtlerinnen in Berlin. Von Hunden im Garten. Was sie so mag. Harrend kniee ich auf einem Pouf neben unserem Bett und schmecke die Pflaumenlimo von Sams Mund. Ich habe Mandarine bekommen. Sie die Pflaume. Sie immer die Pflaume. Und manchmal auch Birne.

Als Sam schläft, lege ich mich zu ihr. Besehe sie in ihrem Schlaf. Mache mir Rhabarberkompott. Mache mir Gin. Eine ihrer Locken rolle ich ein. Wieder aus. Ich lasse sie in ihr Gesicht springen und hüpfe selbst fast dabei. Dann mache ich Fotos von Sams Füßen. Sie sind sehr sauber. Auf einem ist mit Henna eine Mondsichel. Auf der Hand ein Stern. Sie ist mein Firmament. Moment, noch einen Gin. Moment, noch einen Fuß. Ich drucke Karten davon und werde sie zu Weihnachten verschenken.

schwarzes weiß

mariem steht im nachtzeug im starren garten. raureif. der geruch nach schnee. sie legt die arme frei. nimmt den ast einer kirsche und rüttet daran, staub. funken in weiß, glitterig und stiebend, auf die arme nackt.

sie geht wieder rein. grog mit kandis, ruckeldizuckel steht esel bart am zaun, er will einen apfel. eine birne. mariem weiß das. es ist ihr esel. einer ihrer. senna, die ist im stall sehr wahrscheinlich und sehr wahrscheinlich frisst sie dort heu – bis es alle ist so viel. 1996 war sie im club pumphaus. reiko zorg spielte. rasselnden techno, zu dem mariem tanzte. stundenlang. immer wieder diese augen, die von dem kleinen dicken mann. die sie anfunkelten. sie bewertete das nicht, tanzte weiter, war ganz tanz. er winkte ihr! sie an die bar, heran. das glas, das er gab, und aus dem sie trank, mit den k.o.-tropfen darin.

im taxi. einem zimmer. porno aus winzig fernseher gleich neben der matratze. ein penis, klein. wasser in einer kiste volvic auf dem flur. das sie nie wieder trinken würde. draußen vor dem block immer noch kein gewahrsein, was überhaupt. sie fuhr mit der s-bahn, setzte sich auf die couch. blieb dasitzen. lang.

nachdem sie das kind wegmachen ließ, weinte sie. mehr gab es daran nicht. placken an erinnerungen, es ist alles so hart geworden wie der zuckerguss auf dem mohnkuchen, den sie macht. der auf den boden gleitet, aus ihren händen heraus; mariem geht weiter.

zinnober

was machst du dir, fragt sie, ihn von hinten sehend. wer bist du, prescht es aus ihm. ich bin felia, und du. ich heiß konrad. ich mache tee aus basilikum. bitte, ich möchte einen. konrad bereitet das zu, sanft, dann legt er felia zwei joghurts und löffel in den schoß. in ihrem rollstuhl fährt sie sie zum tisch. in seinem rollstuhl fährt er sich zum tisch. sie sind sich sich, es ist leis, plötzlich bricht es aus konrad. ich bin aus dem fenster gesprungen. felia sieht ihn an. sammelt sich. versucht fest, an schöne dinge zu denken, sie hofft, er möge sie in ihr erkennen, blickt konrad an. ich liebe die töne und klänge, sagt sie. falls er es doch nicht sehen gekonnt hatte. laufen konnte ich nie. aber das ging. gerad hört felia konrad durch die stille. er, für sie, hört sich traurig an und schön. zärtlich, tief. wie vibrierend eine ruhe beschreibend. in seiner musik. felia findet, es ist ein cello. und wieder gerät eine bitte in ihr empor. die becher der tees und joghurts bleiben stehen, als sie aus der küche der station fahren und sich zum behindertenklo stibitzen. eine der hände felias fasst konrad am ohr. die andere fährt in seinen hosenschlitz. ihre stirn legt sie an seine. zwischen konrads mund und nase lehnen felias lippen. was machst du mir.

Fluxus

Vetrackt findet Gernod das. Er hat ein Buch auf dem Küchentisch, das er sodann hoch hält, von allen Seiten betrachtet, als wäre es – ein Affenbrotbaum! Es ist ein auffallend eigenes Buch, so findet es Gernod, soviel ist klar, über Architektur, und es stimmt aber etwas nicht, das ist auch klar, was es ist, ist es nicht, zumindest keine Übersetzung, dazu führend, dass etwas verloren, ging, und es hängt auch nicht am Einband; auch, wenn Gernod so guckt und das Buch beäugt im Schein der Kerze, die auch auf die Eisblumen fällt, am Fenster der Küche, des Hauses, in Brentont. Quentin, kennst du die Hütte der Baba Jaga, Buch von Rudolf Schild? Ich kenn es. Und ich kenne den Autoren, doch Schild ist es nicht, antwortet der Antiquar am anderen Ende der Leitung, am Handy, in einer Bar in Fhain. Frank Gamdel hat es geschrieben wie bebildert. Frank Gamdel? Aber … Ja. Quentin beugt sich über den Tresen, noch einen Lightsleeper, krachend viel Tequila, und fängt an. Zu erzählen von Gamdel, auch von Schild, und von den Nürnberger Rassegesetzen. Gamdel, Jude, hatte sein Buch gut verkauft, Hitler, er wollte es weiter auf dem Markt, es konnte ein Jude aber nicht mehr Autor, und so, und das habe ich auf einem Flohmarkt gestern gefunden, klagt Gernod da. Ein Riss in der Welt, an diesem Stand, an dem ich es fand, es hochnahm, und, ja, es ist doch ein Affenbrotbaum. Du kannst zu mir kommen, sagt Quentin. Vielleicht in einigen Tagen. Ich versuche, das Original. Zu bekommen. Und morgen – fragst du einmal nach und dann, wenn da, schauen wir einmal gemeinsam, und, ja! Sagt Gernod … Und die Welt, mit dem Riss, denn das ist es, und die Enkel forschen jetzt, und die Verlage vertuschen, Plagiat: Das ist ein böses Wort.

Lukas, Mischa

Lukas geht heute in Richtung des Nachbars Schatz, da hat er das letzte Mal ein Stück Wurst gekriegt. Der Podenco nimmt seinen Menschen mit. Mischa nimmt nicht Lukas mit. Er hat er ihn anders geformt – antiautoritär – und dann kommt es, der Hund geht Richtung Schatz, obwohl sein Mensch doch lieber noch Eier bei Nachbar Kongres holen würde, die andere Seite …

Mischa versucht, sie Lukas schmackhaft zu machen, will ihn bequatschen. Der Hund aber lässt sich nicht bequatschen! Er setzt sich.

Und so geht es weiter, den Weg des Hundes: Heute, da gibt es wohl keine Pfannkuchen, da gibt es vielleicht aber wieder etwas Wurst.

Nachbar Simmelsammel kommt noch über den Hof, beginnt ein Gespräch. Lukas setzt sich erneut. Schließlich sollte jeder auf jeden warten …

Spider-Man mit ohne Fluppe

Alfred punktet. Mit einem Zahnarztbohrer klitzekleine Löcher ans Lærliôur, drittes Glied, eines Spinnenbeines einer Spinne, die einen Meter misst. Nach Reykjavík soll die. Das Naturkundemuseum dort. In Garðabær, Vorort von Reykjavík, steht das Naturkundemuseum Islands, und dort-, haargenau dorthin, soll die Agelenidae, die – Trichterspinne.

Alfred trägt ein langärmeliges Shirt, hochgerafft an den Armen, er ist noch viel behaarter, als die Spinne es werden soll, es sind schwarze ihrer, der Haare, Bär.

Sibyll macht in der Küche nebenan Rüblikuchen mit Sahne. Dazu gibt es Wirsing, kräftig gewürzt und Klöße, die sie braten will mit Butter. Alfred hat nen riesen Hunger, wenn er von der Arbeit pausiert, die er immer lange macht, die Arbeit, zu lange, die Passion für ihn ist.

Und so steht da Alfred, über ihm ein Schwertfisch aus Gips, an der Wand; er, nein, angelt nicht, nur lustig, das fand er das. Um ihn geschart Gläser mit Insekten, viele Bücher, FJÖLRIT NÁTTÚRUFRӔÐISTOFNUNAR 31, Íslenskar köngulær von Ingi Agnarsson ist aufgeschlagen, Spinnen darin.

Ich rauche jetzt meine letzte Zigarette. Das denkt Alfred. Und ist sie es? Er rennt erstmal zu Sibyll. Sibyll, Sibyll! Alfred, ja, Alfred, jaaa, Alfred, was! Ich möchte nicht mehr rauchen. Warum nicht? Rauchte nicht Roland Barthes?! Raucht nicht Dr. Rubinstein?! Ich werde eine Geschichte schreiben, in der einer ist, der wie er ist, und eine ist, die wie sie ist, und sie werden sicher rauchen. Auch ich mag Rauchen. Aber sieh, wir kaufen die billigsten Zigaretten. Was könnten wir tun mit dem Geld, und mit meiner Gesundheit, noch dazu! Rauchen, das war, mir hat nichts mehr gefehlt. Ich habe mich vollständig gefühlt wie nie. Aber das muss anders gehen, mir ist es es nicht mehr wert, den Arm anzuheben, um eine Schachtel zu nehmen, sie herausgleiten zu lassen, sie hereingleiten zu lassen, und dich dann zu küssen, ach! Nö. Und wenn es drei Anläufe braucht, dann braucht es drei, und aber es braucht 30. Es fliegen da zum einen die Nikotinpflaster ab, wenn Alfred schwitzt.

Er hatte zwei rauchfreie Tage. Am dritten schwitzte er und die Pflaster glitten ab und ab, ließen zurück rauchend Alfred. Also! Ohne. Und nach 22 Stunden genau wurde er gereizt, nach 23, da fiel er ins Delirium, in welches, also warum, das weiß niemand, aber er fällt, und auch das zweite und das dritte Mal beim kalten Entzug, hinein! Nach 23 Stunden. Heraus bugsiert ihn immer eine Zigarette.

Es ist, es sind, nun die Tabletten dran, die zum Lutschen. Doch sind die scharf, und sind die eklig. Alfred wird aufgerieben und verzweifelt.

Ein Produkt hat die Marke noch, Spray, ein Sprühstoß eine Goldfield Red! Und am ersten Tag benötigt er sieben Stöße, am nächsten acht, dann einen gar keinen, und dann wieder zwei, am vierten Tag. Ein wenig ists, als fehle der Boden unter den Füßen. Auch der Kaffee schmeckt nicht. Und so legt Alfred sich aufs Bett, mit einer goldenen Milch auf dem Nachttisch, und lässt die Füße baumeln und will zwar immer noch eine rauchen, tuts aber nicht.

Wiederkommen

Als Syri über die mit Nebel behaftete Wiese stapft an einem kühlen Morgen des Oktobers, findet sie, wie ich mich früher hier fühlte, entlanggehend, war es hauchig Balance. Einmal auseinander, da es schwer, sie wieder her. Es gelingt auch tiefes Ein- und Ausatmen nicht. Sie geht zu Markiel, streichelt seine Flanken, die Nüstern. Steckt ihm einen Bonbon eigens für Pferde. In die Schnauze.

Sie bindet dem Friesen das Halfter um, um ihn in den Stall zu bringen, was sie tut. Mit einem Striegel reibt sie Markiel ab; Bewegungen, die Kreise beschreiben. Es rutscht ihm ein Halm Stroh vom Po. Bürste sodann. Hufkratzer, Kamm. Sein Barebackpad ist Eisblau. Eine Zäumung ohne Gebiss, und ohne Bocksprung. Geht das Pferd hinan, die Straße des Dorfes, kopfsteinbepflasterter Weg, vorbei an Häusern, auch Hunden. Und einem Stand mit Saft von Raner.

Sie reiten über aneinanderhänge Felder und staksen mal, mal traben sie, und aber im Galopp ist es, dass sie denkt, jetzt.

Puss puss puss

Nell liegt im Bett, bemerkt den Morgen als neutral, ihr Teekessel pfeift. Heute kein Baustein, auf den sie springen könnte wie Alex Kidd in der Miracle World. Dafür dreckig Wohnung. Was will ich heute machen. Ich will nicht das Klavier spielen. Auch nicht spazieren. Ich will, dass ich etwas will, an Abwaschen und Saubermachen denkt sie nicht.

Draußen eine Katze, weiße. Nell trapst mit den Fingern gegen ihr Fenster. Die Katze hält inne, dann auch Nell, und katzatonisch. Wo nur ist alles hin … Warum bin ich in Nichts drin. Wicke in Plastik, ein Vakuum. Nell geht raus. Die Katze nimmt sie hoch und stellt sie auf Facebook, sucht eine oder einer, nein! Keiner. Ein Therapietier Henri? Vielleicht. Oder Reik.