Fluxus

Der Tanz der DJane hinterm Pult: wie auffordernd. Nicht nur ausladend, überschwänglich. Auch wie auffordernd! Und doch, für Karla, war der Zweck dessen nicht, Stimmung zu schüren. Vielmehr hatte sie das Gefühl, als wenn die DJane sich für IHR Abdrehen entschuldigen hatte wollen! Vor Leuten … mit denen am Freitagmittag auf dem Festival nicht so viel los war – vermeintlich … Denn als die Musikerin endlich einmal nach oben sah, konnte sie DOCH Energie und Hände in der Luft ausmachen: Flugs war dies Einladende, das es dann doch nicht war, für Karla nicht war, aus ihren Bewegungen gewichen. Die DJane war nur noch überschwänglich.

Love is for the hardest people, Anthony Rother, setzte ein. JETZT war auf jeden Fall Ausflippen. Und der düstere Elektro-Track so sehr im Gegensatz zum gleißenden Sommertag.

Karla tanzte noch ein wenig: Dann setzte sie sich an eine Wand in den Sand. Hatte eine Buddel Tonicwater und schaute dem Treiben zu, dachte an das Treiben auf dem Rummelplatz. Karla war Besitzerin eines Fahrgeschäftes, einer Schrägbahn! Kitschig – aber mit Stil, gehalten in Dunkelgrün und Orange; so kariert … Und da dudelte sie den ganzen Tag nicht Chartskracher, nein, Ólafur Arnalds und Au Revoir Simone spielte Karla dort ab. Wo Ólafur Arnalds für die Nostalgie sorgte, da riefen Au Revoir Simone eine Leichtigkeit hervor, die auch passte. Vollendetes Rummel-Gefühl wurde geschaffen, nur anders.

In einem Jahr fuhr Karla auf ungefähr zwanzig Jahrmärkte, die Schrägbahn stand nie still. Die Gondeln waren je für zwei. Sie drehten sich in sich und die Menschen drehten sich mit ihr, doppelt auch, denn selbst die Schrägbahn vollführte ihre Spins.

Auch Karlas Stimme stach heraus. Die, mit der sie ansagte! Wo andere Fahrgeschäfte mit dem charakteristischen Uhlenbrock-Mischverstärker anreisten, da nutze Karla einen Auto-Tuner. Er ließ sie klingen wie in Chers Believe, ein Song, mit dem die Sängerin einst Vorreiterin war, Vorreiterin im auto-tunen kommerzieller Stücke. Abheben tat es sich auch so – von dem Stimmgewirr auf der Kirmes und deren weiterer Musik. Und aber es klang nicht komisch: Voll und kraftvoll war es vielmehr.

Übermorgen muss ich zurück, dachte Karla, obwohl sie den Jahrmarkt liebte, und gurgelte das Tonicwater. Aber diesen Tag noch unbeschwert, schon morgen wird sich die baldige Abreise aus Schweden breitmachen. Und alles durchtränken, bis hin zur tatsächlichen Abfahrt: ein Tag noch, bis dahin: Hin zur Bier-Bar!

Karla ließ sich ein Hibiskus-Bier mixen, es schmeckte fein ausgewogen und war so gar keine gängige Festival-Plürre. Mehr Luxus-Kommune am Fjord hier, und zu dieser Jahreszeit konnte man sogar rein. Viele Frauen gingen mit dem Bikini geradewegs auf die Tanzfläche.

Karla trug ein mit Ornamenten behaftetes Tuch lang um die Beine, es wurde, wie sie es drapierte, Art Wickelrock daraus. Oben hatte sie ein schlichtes weißes Tank-Top an. Sie hatte es über dem Bauch zu einer Rolle gewickelt und unter der Brust festgesteckt.

Hast du das Pony mitgebracht, fragte ein Junge. Ja, aus Deutschland, so Karla. Das Pony und ich kommen aus Deutschland und aber ein wenig Zeit haben wir hier noch. Wie ich, so der Junge, um die 20. Karla war älter, ihre Tochter leitete gerade ihr Fahrgeschäft, damit sie diese Reise hatte machen können. Wollen wir tanzen? Klar. Beide zitterten ab, das in der Luft seiende Papp-Pony am Stiel, lebensgroßer Fotodruck eines Shetlandbabys.

Hühühühühü, machte der Junge, als sie gerade zu Console tanzten, 14 zero zero. Er beugte sich und zeigte Bewegungen wie ein wieherndes Pferd. Karla bäumte sich, als wenn sie gerade buckelte.

Dann eine Bank, mitgebracht von den Festivalleuten, sie sah selbstgezimmert aber stabil aus in ihrem günstigen rohen Holz. Lag eine Decke drüber. Karla wippte noch zur Musik, mittlerweile kam Dopplereffekt aus den Lautsprechern, Speak & spell, und Gerome lehnte sich bald nach hinten, streckte ein Bein von sich und ließ einen Arm hinter sich ins Wasser gleiten. Kommst du von einem Ponyhof, fragte er keck. Nein. Aber vom Rummel! Als wenn das besser wäre, winkte Gerome ab. Dann glitt seine Hand wieder ins Wasser. Um kurz darauf wieder emporzukommen und Karla über die Stirn zu gehen. Sie zog ihr Tanktop aus, stippte es in den Fjord, wringte aus, nicht viel aber, und tupfte damit hier, tupfte damit da, auf beiden Körpern tupfte sie, es waren viele Stellen frei, denn es war heiß. Das Wasser rann runter, Fluxus! Tanzen jetzt. Karla zog Gerome hoch.

Das Papp-Pony packten sie auf einen großen Haufen aus Rucksäcken und Jutebeuteln, Schatz der Tanzenden, und diesmal waren ihre Bewegungen ganz einfach. Simpel tanzten beide eine Zeit: Später fassten sie sich wie beim Walzer an.

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