Die Weihnachtsgeschichte der Kelly, eine richtige Geschichte, und es weihnachtet sehr

Kelly, im Nadelöhr zwischen ihrem Schreibtisch, und ihrem Tisch, saß aufgehockert am offenen Fenster. Weihnachten, was für ein Wort, es hält immer, was es verspricht, leider nur kann dies alles sein. Es kann modrig sein und toll aber. Es kann mies sein. Und aus jüngerer Zeit stammend. Kelly wusste, es ist immer etwas Starkes, was das Fest ausmacht. Und wartete auf’s kommende X-mas, notierte einen Zettel – mit Wünschen. Ihr Fenster stand weit offen. Es war September: Zeit der Tage, die tiefschön sind. Kelly sah’s auch so und saß auch so, ganz nah dran an der seichten Luft, kündend von Herbst.

Geschenke hatte sie schon. Die ja kaufst am Besten das ganze Jahr über. Am Schönsten wäre es so, dachte Kelly und holte ihr Geschenk für Blanche und Eduard hervor, ihre Freunde, es waren ein Füller und ein Kugelschreiber, im Set, jeder sollte einen bekommen, und sie waren in ihrem Aquamarin und aus dem Holz so bezirzend, dass Kelly sie nun besah. Sie betastete sie auch, wischte dann ab und ab in den Schrank, bis Weihnachten, das dauert noch.

Außer in den Geschäften. Da fand sich das Zuckerzeug bereits. Und die Schietwetterweine. Alles ganz fein aufgereiht: haltbar bis Ostern. Kelly aß den Kram auch schon. Schmeckte ihr – eigentlich das ganze Jahr und so war eines ihre Lieblingsgetränke auch der Milchkaffee mit Zimtaroma, das ist wie Weihnachten im Becher.

Ihr Wunschzettel: Riesengroß sollte er werden. Bis jetzt stand nur dort drauf: Gefühl. Ihre Medikamente: Sie lösten eine Verflachung derer aus. Ihrer war sie es leid. Sie wollte Gefühl und das am besten gestern. Da ihr die Zeit so wie nicht wert vorkam. Allerdings spielte sie gerne Konsolenspiele. Da nur hatte sie gar nicht das Gefühl, etwas zu vertrödeln …

Es umgab sie mit schönen Sachen. Gerade übrigens auch am ersten Weihnachtsfeiertag und am zweiten. Heiligabend immer noch relaxt eigentlich. Nur die Familie, keine sozialen Sachen mit Lachen, obwohl viel Dreck mit bizarren Tanten und noch rassistischeren Onkeln am Tisch hochkommt. Da dann grub sie sich ein. Extra: Konsolenspielzeit!

Es ließ sie die Zeit vergessen. Auch die bis zum Fest, denn die war die Prekärste. Weihnachten, das steht einmal im Jahr auf dem Plan, und wenn dann du ab Sommer Panik davor hast, ist dies mehr als unerfreulich. Das halbe Jahr Weihnachten, dann lieber die Spiele. Jetzt schon.

Außer Rassismus, was eigentlich war noch. Konzentration vor allem. Aber nicht … auf das Wesentliche, nicht … wie der Gedanke des Festes es doch war. Vielmehr fehlte sie, die gute alte Konzentration, und zwar … bei Tisch! Kellys Psychose, die hatte Negativsymptome inne. Sie waren nicht die negativsten der Symptome der Psychose. Das waren die Positivsymptome mit Angst und Stimmen und noch mehr Angst, auch unsäglich großer, und dann den Halluzinationen. Negativsymptome, das will, dass all diese Dinge, die eben nicht auf Seite der Positivsymptome stehen, beschrieben werden. Soziale Angst, soziale Abschottung, Gefühlsverflachung – und so weiter.

Kelly war einfach nicht belastbar. Am Tisch, es ist immer der Tisch, nie der Garten, konnte sie sich nicht fallenlassen, ganz sie selbst sein. Sie baute eine Konzentration auf, es war gar nicht intrinsisch, hielt sie, und hatte Angst davor, dass die Leute immer noch am Tisch saßen, wenn sie abzuflauen begann. Gerade auch, saßen die Rassisten bei Kaffee und Kuchen und ihr. Nämlich dann war es so, dass Kelly sich die Blöße nicht geben wollte. Sie spielte nicht die ganze Zeit an der Maschine am ersten und zweiten Weihnachtstag. Sie gab auch Widerstand.

Sie kommt aus der DDR. Und schon als Kind bot sie den Onkeln Paroli. Mit kurzen Sätzen, so prägnant, wie fast nur Kinder sie vermögen. In der DDR war es auch, wo Kelly „Bananen“ einmal auf ihren Wunschzettel schrieb. Die gab es damals nicht gerade in Hülle und Fülle. Es gab sie kaum, Kelly wollte welche, so landeten sie auf einem Wunschzettel, der … in den alten Weihnachten Anekdote war. Alt, das war ungefähr zwischen DDR und Psychose.

Das schönste Fest war es da. Es wurde gesungen. Und es gab die Geschenke, über und über: Es gab feines Essen! Und eine große Vorfreude, die gab es auch. Das ist vergangen. Rührseligkeit und Glückseligkeit waren mangelnder Konzentration gewichen – wundertoll. Kelly ging pinkeln.

Jahrelang träumte sie von einem Freund, der sie rausholte. Raus aus dem Tanten-Onkel-Horror. Tatsächlich sollte genau das in diesem Jahr zum ersten Mal passieren. Und zwar auf den Färöer-Inseln. Mit Kamin. Und sonst ohne alles. Mit Kamin! Und auch nicht ohne Geschenke. Sie würde Frank einen Rollkragenpullover schenken in diesem Jahr, er war rosa und beige, mit noch einem Klecks Weinrot. Sah schön aus. Würde ihm stehen, nicht kratzend stehen und gerade auch auf den Inseln. Wie sie es sich immer dachte, würde es werden, und das in diesem Jahr.

Weihnachten …

Es wird auch gekocht, dachte Kelly. Aktuell wollte sie nur Spaghetti. Aber mein Freund, der will immer nur essen gehen. Auch im Nirgendwo zwischen Island, dem UK.

Er wird auch eine CD geschenkt bekommen. Pillatoss hieß die Band, die Veröffentlichung der CD wird auch für Kelly wie Weihnachten sein. Sie wusste das auch schon, sie sehnte es herbei zwischen Schreibtisch und Tisch. Zwischen Schreibtisch und Tisch war schon ein bisschen Weihnachten bei Kelly.

Wunschzettel:

Keine Angst

– Färöer –

Gefühl

Lauschigkeit

Fuck-Racism-Gespräche

Kamin

Auch die Pillatoss-CD …

Essen gehen! Oder Spaghetti. Im Garten der Ferienwohnung.

Einen Mantel für die möglichen Spaghetti im Garten der Ferienwohnung

 

Die „Kelly“ in einer Hörfassung

Beginne damit, deinen Suchbegriff oben einzugeben und drücke Enter für die Suche. Drücke ESC, um abzubrechen.