Deutschland, im Krach

Der Kapuzenpullover reizte an meiner Haut: Ich hatte zu wenig Schlaf. Ich schlug meinen Rucksack auf, klaubte einen Hefter und den Stift raus. Geschichte fand in diesem Semester ohne Buch statt. Stattdessen war es der Lehrer, der ausführte – und wir, wir schrieben immer nur mit in der elften Klasse, wir schrieben, und wir hörten. Manchmal kam auch das Sehen hinzu in Form von Filmen, heute nicht. Es reichte aus, was gesagt wurde. Lehrer Weber sprach von um sechs Millionen. Menschen! Im Holocaust. Die ihm zum Opfer fielen. Nicht irgendwo. Auf dem Boden, auf dem wir atmeten, aßen, uns liebten – und feierten. Und irgendwo wäre auch nicht besser gewesen.

Ich ging. Der Flur wurde mir eine Zuflucht. Ich weinte. Elias wurde mir eine Zuflucht. Er kam nach. Schaute mich an. Schaute nach mir. Wir gingen wortlos wieder in die Stunde. Der Pullover kratzte immer noch.

Wenn Elias mir nicht nachgegangen wäre, hätte er später gemerkt, wie eigentlich bin ich. So sah der neue Schüler es gleich. Was folgte, waren eine Brosche mit Imitat-Smaragd – zum Geburtstag – ein Strauß Kräuter auf der Schulbank – aus dem eigenen Garten, ganz einfach so – und eine Liebeserklärung zu Weihnachten.

Und jetzt war Weihnachten schön.

In der 10-minütigen Pause zu Bio zeichnete ich ein Daumenkino. Ich band es nicht mit einer Schleife. Ich malte es nicht wie sonst in ein ausgeliehenes Buch. Diesmal nur nahm ich den Hefter und zeichnete Schuhe herein. Erst einen, dann zwei. Dann immer mehr – und am Ende des Nacheinanders prangte eine Unmasse … an Schuhen.

Und die Traurigkeit wich nicht Bio. Ich war die ganze Stunde in Gedanken. Die Bakteriophage übte anscheinend auch auf Elias keinen großen Einfluss aus: Er sah auf seinen zugeklappten Hefter.

Nach der letzten Stunde gingen wir ein Stück gemeinsam. In Berlin war gerade Kirschblüte. Von der S-Bahn-Station Wollankstraße aus erblühten sie heftig. Wir gingen hindurch, Elias nahm sich eine Blüte, die geradewegs auf meinen Pullover fiel, und steckte sie hinters Ohr. Schien selbst zu erblühen. Das Handy zückte ich nicht. Ich wollte die 3 Sekunden, nicht die 3 MB.

Berlin ist so offen! Berlin war so offen. Immer! Immer und immer schon. Wie da nur konnten die Nazis die Macht erringen? Fragte Elias. Ich fragte das auch. Nicht ihn, mich! Ich wollte auf den Grund dessen. Ein Plan kristallisierte sich aus einem Vakuum der Ohnmacht. Er würde sich bald manifestieren und mehr und immer mehr. Berlin war rot damals. Wie nur, wie, Elias schüttelte den Kopf und es schüttelte mich. Es rüttelte mich. Und rüttete schon jetzt an mir. Unser Berlin, das ging ungefähr von den roten Nelken hinterm eigenen Jugendstilhaus bis hin zur Szene-Bar Klunkerkranich in Neukölln, mit der Tram einmal durch die ganze Hauptstadt. Es würde für mich bald die Topografie des Terrors in Kreuzberg, das Holocaust-Denkmal in Mitte und das jüdische Waisenhaus in Pankow werden. Ich war auf einem Weg. Wohin würde er führen. Sie ja WAREN alle schon tot. KONNTE der Weg noch irgendwohin führen. Ich fragte mich das.

Wir gingen ins Mirabelle, einen Tee. Ich trank den grünen, ich trinke den ganzen Tag grünen, meist meinen milden, am Nachmittag zuhause, da trinke ich mehrere Kannen, es ist auch unbedenklich. Elias nahm den Iced Berries und so saßen wir da, saßen – und sinnierten. Wer war Mitläufer und wer schwieg. Das fragten wir auch. Uns und den Erdball, die Frage auch betraf – uns und den ganzen großen Erdball. Und was war schlimmer? Der Mitläufer? Der unaufhörlich Schweigende? Für nichts als Tote – sorgten beide. In welchem Umfang ein Widerstand und wie konnte er ausgesehen haben.

Der Tee schmeckte nach Blei. Daran war nicht das Mirabelle Schuld. Vielmehr zog es mich wie Blei herunter und ich, ich kam nicht wieder hoch. Es schmeckte gar der Tee so!

Nazis sind Arschlöcher, sagte Elias. Nazis sind Arschlöcher, sagte auch ich. Lapidar war gut. Gut war oft lapidar. Später, zuhause in der Winterstraße, wieder Tee, die Hausaufgaben, eine Geige und die Mutter. Das Dritte Reich, wir nahmen es erst in der Elften durch: Ausfall, viel davon, als Grund.

Emaryll, willst du mit ins EKZ. Heute nicht, so ich, heute für mich bitte kein KZ (auch wenn die Mama doch nur ins Alexa wollte). Es kam mir etwas in den Sinn. „Zerreißt den Mantel der Gleichgültigkeit, den Ihr um euer Herz gelegt“: Das kam mir in den Sinn. Aus dem fünften Flugblatt der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ stammte es – und aber stimmte es? GING es hier um eine Gleichgültigkeit? Oder war es eher, dass etwas auf Arten gebilligt wurde, hingenommen, aber sicher doch auch nicht gleichgültig, noch nicht mal für die Schweigenden, da für den Menschen doch zu shocking. Dass sie es wussten, stand für mich außer Frage. Mit der Asche der Leute wurden die umliegenden Äcker gedüngt. So Lehrer Weber …

Nein, und aber um Tops, Jeanshosen und Taschen sollte es an diesem Nachmittag nicht für mich gehen, dafür stand ich zu neben mir, ich hätte das an diesem Tag nicht gewollt. Obwohl ich Mode mochte. Es, für mich, war sogar feministisch, da Ausdruck von Kreativität und Lust. Zudem, ich mochte es visuell, liebte auch Gemälde, Fotografien und Designer-Möbel, nur heute war an mich einfach dieser ganz schöne Koloss an Stein gebunden.

Ich machte mir noch einen grünen und legte mich auf mein Jugendbett. Das Bettzeug war im Kasten, darunter, ich nahm mir ein Plaid und legte mich auf den Rücken. Kann nicht sein, dachte ich wieder und wieder. Kann einfach nicht angehen. Ich war erschüttert, das auch zutiefst.

Esther rief noch an, kommst du rüber, Emaryll – es war nichts weiter, miteinander rumhängen eben, und ohne es weiter zu bedenken, fuhr ich direkt los.

Am Wochenende stand der Geburtstag meiner Tante Beata an. Beata, Schwester meiner Mutter, wohnte in Charlottenburg. Sie lud zum Kaffeetrinken. Es könnte sein, es war auch so, ich hatte gar keine Lust auf Kaffeetrinken. Zu viel noch spukte mir von der Geschichtsstunde im Kopf herum. Ich fuhr dann aber mit, aß die Torte, aß auch den Kuchen, gegen frühen Abend hin nahm ich mir eines der Fotoalben, die ich dort noch nie gesehen hatte, die nun aber lagen. Mir stockte ziemlich bald der Atem und stockte er lange. Da es dicke – und viele – Alben waren. Und da darin – die Urgroßeltern waren, auch beim Kaffee, auch beim Kuchen, und ganz manchmal sah man im Hintergrund Leute mit Hakenkreuzen an den Oberarmen …

Wie waren sie. Wie waren die Urgroßeltern, lebend in einer solchen Zeit, wie konnten sie sein und wie waren sie schlussendlich?!

Ich fragte in die Runde, absolute Stille. Ich dachte hä; aber es war nur weiter und weiter still und immer stiller …

Das waren liebe Leute, sagte meine Oma. Es wäre ja eine schwere Zeit gewesen. Wie wir gelitten haben! Mehr kam nicht wirklich, so dass ich wieder fragte, ich fragte mehrmals, wie es meine Art war. Aber das Schweigen griff über.

Nach dem Abendbrot zog Cousine Larissa mich zur Seite. Sie waren Nazis, Emaryll. Sie ging weg, kam wieder mit noch einem Album. In diesem hat auch der Urgroßvater eine Hakenkreuzbinde um. Wir hatten einen behinderten Menschen in der Familie. Den Bruder deines Urgroßvaters. Im Euthanasieprogramm wurde er getötet. Es gab Absprachen mit der Familie. Ich lief in den Raum, in dem die anderen bei Portwein saßen, nahm ein Glas, ließ es kerzengerade nach unten schellen. Es gab einen Karl Wiedekind, sagte ich, aber statt das erst einmal wirken zu lassen, RECHTFERTIGTEN sich auf einmal alle. Es war ekelerregend. Meine Mutter wollte auch sofort losfahren. Ich LIESS sie gewähren. Warum bekomme ich nichts aus euch raus, fragte ich auf der Autofahrt. Auch da kam nichts als nichts. Meine Familie war nicht sehr geistreich, noch nie. Hier aber hätte es nur Menschlichkeit bedurft! Ich verstand nicht.

Traf mich von da an viele Male mit Larissa. Ich wollte nicht nur die Infos. Es tat auch gut, mit ihr zu sitzen. Selbst deine von dir in der Kindheit so geliebte Spreewaldpuppe hat eine zappendustere Vergangenheit, sagte Larissa. An ihre Schöpferin Pauline Krautz erinnert heute ein Stolperstein in der Sandower Straße in Cottbus.

Bald folgten Gespräche, in denen auch Elias war. Es folgten so viele ihrer. Und ich, ich kam und kam nicht klar. Spürte einen große geistige Distanz zur Familie und ließ auch eine reale folgen. Sie sagten dazu: Die Emaryll! Die wird sich schon wieder fangen, die haut mal wieder durch, aber wahrscheinlich wussten sie es da schon besser. Wie sie von Allem immer gewusst haben.

Zusammen mit Elias und Larissa verfolgte ich alles weiter, Berlin wurde uns zum großen weiten Spielplatz des Nationalsozialismus‘. Verstehen wollten wir, was zu verstehen war. Ich weiß, das klingt furchtbar. Aber verstehen wollten wir, was zu verstehen war.

Ich war im Jüdischen Museum: Eine Umfrage wurde abgespielt. Befragt wurden alte Menschen, die nahe eines ehemaligen KZs lebten. Wir haben nichts gesehen, wurde da gesagt. Wir haben von nichts gewusst, auch. Ein Ehepaar jagte die Interviewer vom Hof. Es war nicht mehr angesagt, Nazi zu sein.

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