Der Weg der Jade

Jade, an der Bushaltestelle, wartete nicht. Nicht auf den Bus, nicht darauf, in ihrem Ohrensessel im großen weißen Haus anzukommen, bei heißem O-Saft mit Schlagsahne rumzuphilosophieren. Lieber tat sie es jetzt. Jetzt, in Berlins Rushhour, dachte sie ans Universum. Besser bin ich hier auf der Straße, als irgendwo noch DA draußen – meinte sie.

Sie wusste noch nicht, was dieser Abend, nun ab 1830, noch bereithalten würde.

Dunkel wars bereits: Winter! Eingemurmelt in Flausch in Form eines Mantels – Farbklötze, Rot und Pink und Camel, das in ganz Teddybär – lief Jade weiter, nur kurz aufgeschreckt durch: Haare. Sie waren auf einmal da – auftoupiert, blond. Riesig rahmten sie den Kopf einer großen schlanken Frau im 80ies-Look ein. Sie stand nur da, Jade nahm zuerst einen Schatten wahr, eher unheimlich – wie auch das gesamte Bild, danach gekommen. Diese Frau glich einer Löwin! Das hätte schön sein können … Hier, an der Haltestelle um halb Sieben, im Stockdüsteren, heimelte es nicht gerade an. Trotz der vielen Leute noch drumherum.

Jade wollte Tee. Sie bekam einen in einem wahren Tee-Tempel, auch so heißend, dazu vietnamesisch und dazu eine Suppe. Oft auch musste sie an diesem Abend aufs 00 … Stehend hielt sie sich immer darüber. Keine bakterielle Vaginose heute, bitte. Und wo waren die Hauben aus Papier fürs Klo-Origami?! Die sie stets dabei hatte. Hier jedenfalls waren sie nicht. Und auch keine Desinfektionstücher.

„Ja, wir hämmern jetzt in deinem Fuß“, tönte es sodann aus ihrem rechten Fuß. In dem es auch hämmerte, soweit machte das Sinn. Sonst nur machte es keinen für Jade. Aber selbst das wurde ihr: nicht … bewusst! Sie nahm das Hämmern, wie auch dabei stehende Stimmchen, kommend aus dem Fuße, hin, als wäre es von der Natur gegeben. Das war eine Psychose. Jade hatte ein, sie war neu, Jade dachte, hallo, schöne neue Welt. Leider nur nahm sie sich gar nicht so schön aus, schrecklich viel eher. Alles was folgte, war mindestens unangenehm gefärbt, wenn nicht angstgetränkt. Schlecht für Jade!

„Ja! Wir hämmern jetzt fulminant in deinem Fuß“, tönte es weiter. Hämmernd, tönend, nahm Jade ihren klumpig anmutenden Fuß aus der WC-Tür und wieder hinein in den Tee-Tempel, in welchem es nun surrte. Eine Art Hintergrundrauschen, es klang wie gequirlt, schaumig, kreierte eine sagenhafte Apokalypse; sehr sagenhaft, sehr unheilkündend. Wie ein Meer; ein schaumig geschlagener Ozean.

Kaugummi jetzt, dachte Jade. Sie wollte erfrischt werden. Im nächsten Kiosk bekam sie eines, darauf zwei Köpfe, die lange Zungen hatten, wie im Kusse verbunden. Laugen sich aus, kam es der 31-Jährigen in den Sinn. Lutschten sich aus, zehrten an den gegenseitigen Hirnen. Und wieder: Endzeitstimmung. Jade wusste mit einem Mal, das ist ein Stück Geschichte, das sie miterleben sollte. Die Welt war aufgeklappt. Sie offenbarte ihr wahreres Sein. Vorher hatte sie ihr Leben, darauf folgte ein Tod, dann – jetzt – das wahrere Leben. Im Kompletten offenbarte die Welt sich ihr aber nicht. Es wurde ein nicht unerheblicher Teil freigegeben. Über ihr wohl ein kleines Team aus Insekten, die völlig freigeschaltet waren und die – alles überwachten. Sie führten Jade jetzt durch die Weltgeschichte, so kam es ihr vor. Was sonst hätten die neuesten Vorkommnisse für einen Sinn?! Es musste gar demnach sein.

Und es musste also, wahrscheinlich war das gegen Ende der Zeit, Kreaturen gegeben haben, die sich gegenseitig aufzehrten. Mit Zungen. Dass diese auf der Packung viel eher auf das Gummi im Kau aufmerksam machen wollten, daas kam Jade nicht in den Sinn. Kam ihr ja auch genug Anderes in den Sinn.

Jade ging in einen Laden. Darin: Skurriles in einer Fülle. Sie nur wollte das Daumenkino, das sie auch hatten, und kaufte es sich. Es war cool. Damit erfüllte es ganz seinen Zweck. Ein Stück Welt, noch in Ordnung.

Als Jade vor die Tür das Ladens trat, wurde sie auf eine überbordende Baumwurzel aufmerksam. Es, ja, erinnerte an den Holocaust. Verschlungene Menschen. Tot. Das ist wieder ein Stück Menschheitsgeschichte, ersann Jade und ihr fiel auf: Diese große Wurzel schien zu schreien.

Schreie, Schreie, Jade schritt einen großen Schritt weiter, sie wollte weg. Sie wollte, wo sie nun war, eigentlich auch nirgendwo hin. Doch das Wollen; das Wollen war heute ganz unwichtig.

Eine Bar hatte als Eingang, Jade kam vorbei, den Kopf eines mitleiderweckenden Bären mit leckendem Maul. Und obwohl Jade Tiere eher leidtaten, als Menschen, wurde ein ähnliches Bild kreiert, wie an der Wurzel gerade just. Beides hatte eine Kraft. Und doch, Tiere wissen nicht, wie die Menschen sind, dachte Jade. Die Menschen, die ja auch noch welche sind, Menschen also, wissen, wie sie sein können; wie sie sind. Im Grunde hässliche Kreaturen. Sie vermurksen die Umwelt, sie quälen die Tiere, und wenn sie sich selbst quälen, wissen sie wenigstens, wo es herkommt – ein Tier vermag das nicht zu erkennen, müsste MEHR enttäuscht werden eben. Und deshalb stellte sie das Tier über den Menschen. Sie konnte nicht sehen, litt eines.

Jetzt sah der Himmel auch unheilsschwanger aus. Sich auftürmende Wolken im Mondlicht. Hätten wir gestern schon gewusst, wie es jetzt gerade wurde, hätten wir’s unter Umständen steuern können, dachte die an die Weltformel glaubende Jade. Ihre Religion war die Mathematik, sie nahm an, dass sich alles, jeder Fitzel unseres Seins, in Mathe ausdrücken und, wusste man die Weltformel, auch vorhersagen, gar lenken ließ. Soweit siind wir schon, rang eine Stimme in ihr Ohr. Das können wir. Die Insekten?!

Aber natürlich müsste es so sein, sie haben die Welt verschoben, sie … aufklappen lassen, sie können den Himmel koralle färben und ihr das Hintergrundrauschen vorspielen: Alles vollbracht!

Zudem, eine Weltformel bedeutete, dass es das Schicksal gab. Wenn alles Regeln folgte, war alles vorhersagbar, wusste man um eben diese Regeln auch. Selbst unser Willen war vorhersagbar und … gar nicht frei.

Was war noch mit dem Menschen, von mehr Wichtigkeit doch, als das ganze große Universum.

Jade musste in die Klinik. Sie merkte es, fuhr schnurstracks hin. Diagnose Psychose, und die Tabletten griffen erst nach Wochen.

Immerhin hatte sie ihr Daumenkino. Und die Gewissheit: Es muss schwer gewesen sein für die Löwen-Frau, im Winter einen 80ies-Look aufzutun.

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