31 Grad

Anouk stieg ab. Ihr E-Roller schmutzig. Und leer. Morgen brauchte sie ihn wieder. Aber heute lud sie nicht mehr auf. Da stellte sie den Wecker auf ihrer Smart-Uhr einfach etwas früher – für morgen. Das Stück konnte laden, während sie sich fertigmachte und frühstückte. Etwas früher schon. Daher das frühere Weckerklingeln. Anouk, auf Reisen, besuchte am nächsten Tag einen Roboter. Dessen Vater hatte das erlaubt. Bär, eigentlich, wurde nur zweimal im Jahr der Öffentlichkeit vorgestellt, immer mit weiteren Neuerungen. Doch Anouk hatte einfach angerufen. Der Roboter-Vater sagte, sein Team und er seien diesen ganzen Tag da, man freue sich, Anouk die Besichtigung der künstlichen Intelligenz ermöglichen zu können. In Kopenhagen leihte man gerade E-Roller. Nach den Fahrrädern vor weiterer künstlicher Intelligenz vermutlich. So dachte es jedenfalls Anouk. Sie war auch leer. Geistig nicht; körperlich! Im Hotel ging es für sie dreckig ins Bett. Keine Dusche mehr machbar. Nur noch Bett machbar. Es war weiß bezogen …

Anouk hatte Bier da. Es kam in Dosen. Sie hatte eine Pyramide mit ebendiesen auf dem Fensterbrett aufgestellt. Draußen ging die Sonne unter. Der Blick weit. Das hoch gelegene Zimmer im Hotel im Gewerbegebiet ermöglichte eine ferne Sicht. Über Bahnschienen, über Lagerhallen ging die Sicht, Mehrzweckgebäude waren ebenfalls inbegriffen. Mit dem E-Roller kamst gut zum Designhotel und wieder zurück. Das Ganze sehr citynah. Wärest du zu Fuß unterwegs gewesen, hättest du auch in zehn Minuten dort sein können.

Anouk trank das Bier. Sie trank hart. Ein Liter rann in circa 20 Minuten den Rachen runter. Dann wurde ihr Trinkverhalten langsamer. Und entspannter.

Anouk, im Bett, lehnte sich an die Wand. Schaute aus dem angrenzenden Fenster, hatte eine Dose in der Hand. Morgen zum Frühstück ist Jazzmusik in ganz Live angesagt. Sie las das aus einem Flyer. Es lag so viel Lesestoff rum. Kunstmagazine und Hotelkommunikation überwogen. Anouk schlief fest in dieser Nacht.

Sie stand zum Frühstück mit einem live performenden Saxophonisten auf, noch ganz gerädert, ihr Roller derweil schon in der Steckdose auf dem Hinterhof. Sie streckte sich. Das tat immer noch gut. Trotz oder gerade wegen dieses Durchseins. Sie merkte jede Sehne ihres Körpers. Das mochte sie auch.

Bär, dachte sie, das ist wirklich super. Mehr dachte sie dazu nicht. Mehr war es auch nicht. Anouk war auf Reisen, sie hatte vom Roboter gehört, sie hatte den Telefonhörer in die Hand genommen und würde jetzt hinfahren.

Viele Leute denken, nichts ist möglich in der Welt, „einfach nichts klappt“. Doch du musst kaum etwas, als einmal telefonieren oder Ähnliches, kurz – aktiv werden. Anouk hatte das auch erst lernen müssen. Nun wandte sie an und an … Jedem, der nichts davon wusste, dass vermeintlich Unerreichbares ebenfalls nur mit Wasser gekocht war, sagte sie, ruf – einfach durch. Tat nur niemand. Keiner konnte damit etwas anfangen. Aber Anouk sagte es so, weil es mehr nun einmal nicht war. Sie wiederholte es aber. Wieder und wieder, doch nicht mit dem kleinsten Erfolg. Die Leute sehr festgefahren in ihrem Trott. Etwas neu denken, wer machte das schon.

Bär, alles an ihm war stämmig, stand inmitten einer kreisförmigen Bahn. Wie ein Schlittschuhfeld, aber es war eine Art Spielplatz für den Roboter-Kollegen. An ihm wurden einige Exempel statuiert. Bär konnte nicht viel in der Masse und aus dem ersten Augenschein heraus. Aber was er konnte, hatte immense Tragkraft im Ende. Der Besuch dann aber nur kurz. Man hätte sich intensiver auseinandersetzen müssen, am Besten auch im Voraus und vielleicht als richtiger echter Philosoph, überlegte Anouk. Denn diese Personen ja denken anders. Auch können sie auf einen anderen Pool an bereits Gedachtem zurückgreifen, den sie bei jedem neuen Thema mit einfließen lassen können. Anouk fand immer, Philosophen sind das Eine. Denken aber muss jeder. Du bist Mensch, du bist da, also denkst du bitte auch. Fand – Anouk …

Sie aß Falafeln im Brot, als eine Pferdekutsche an ihr vorüberfuhr. Touristen, dachte Anouk; nicht zuhause. Sie hingegen lebte die Stadt. Im Augenblick jedoch steckten die Falafeln im Hals. Anouk wusste, die Tiere leiden; zog ab: am Abend ein Konzert. Wegen dem war sie nach Kopenhagen überhaupt erst angereist. Oder auch wegen dieses Abends im Club „Splash“, denn sie stand ziemlich darauf, kurze Städtereisen mit Kultur zu mixen. Eine Metalband spielte. Die männlichen Besucher hatten in hoher Zahl freie Oberkörper. Anouk fand’s gut. Nicht der Körper wegen, die allermeisten der Jungs waren auch ausgesprochene Heringe, mehr aufgrund der Unbekümmertheit, die dies ausstrahlte. Und der Abend ging vorüber, Anouk, wieder im Hotel, trank ihr Bier. Metal war wieder an: leise nun. Das brachte für sie etwas Besonderes an ihm hervor, das Anouk mit „Weißbereichen“ beschrieb. Wie die Risse einer Zeitung. Zerfetzt – und weiß. Wenn Anouk einmal zum Heulen zumute war im Leben, oder wenn sie ganz heulte, dann hörte sie Metal in Leise.

Ging der Wecker am nächsten Morgen an, hatte sie fast schon ihren Latte Macchiato vor der Tür, das war recht genau getimt, denn Anouk benötigte VOR dem Zurechtmachen, vor jedem Tun eigentlich, immer schon Kaffee mit Milch in möglichst geschäumter Weise. Zwei Latte Macchiatos hatte sie sich für diesen Morgen an die Tür bestellt. Wie meist. Dann erst ging es zum Frühstück. Livemusiklos diesmal aß Anouk ihre Früchte und die Küchlein, dazu – mehr Kaffee.

Museen, essen draußen, Museen wieder, im jüdischen Haus weinen, danach am Eingang auf den Treppenstufen sitzend der Gedanke: Ist Reisen Luxus? Sie – dann – hätte es verabscheut, da sie fand, dass nur Nötiges gemacht und getan gehörte, Luxus erschien ihr überflüssig, schädlich gar. Reisen aber sind für die Entwicklung, so sie, fügte in Gedanken noch umgehend hinzu, wie eigentlich sieht es mit Feierei aus. Da sie im Gefühl war, die Welt liegt im Argen einfach und wir – sind lustig. Warum nicht erst machen, was nottut?! Ein gewagter Gedanke, vielleicht – noch nie gedacht, da zu einfach einfach. Doch nein, auch das Glücklichsein ist wichtig – für die Entwicklung deiner selbst, schoss es Anouk in den Kopf. Es geht nicht ohne die schönen Dinge. Das Leben hat sie noch.

Reisen kein Luxus also, es würde ein nächstes Mal geben, doch das wohl per Rad. Da es ein Fallenlassen in den Tagen des Reisens ermöglicht – nicht bloß ins Hotelbett. Das übrigens von viel Wichtigkeit für Anouk. Da sie mit ihm begann: ihre unendliche Geschichte „Bett“. Wo sie früher vor allem von Hotelbetten angezogen wurde, da liegt sie heute in eigener Boxspring-Version und liegt da viel und liegt bequem. Zeit ihres Lebens hatte sie dies Bild vor Augen. Ein Mann und sie – auf einem Bett. Liegend oder sitzend, das war egal, dazu vielleicht ein Buch. Der Mann las. Sie hörte. Das ging auch ohne Buch. Aber sie, sie musste immer hören, Anouk liebte diese Vorstellung so.

Aktuell reiste sie allein. Sie tat das auch gerne. Mach was du willst, dachte Anouk – das ist ein gutes Credo – und machte es zum Programm. Ins Gespräch kam sie dennoch jedes Mal.

Oben nur im Sport-BH, sich im „Splash“ spontan den Jungs gegenüber solidarisch zeigend, wurde sie beispielsweise von einem von ihnen angegrinst in einem Moment. Heiß hier, sagte er spitzfindig, der Unverwandtheit wegen war es trotzdem gefallend. Anouk stierte auf ihre smarte Uhr. 31 Grad …

„31 Grad“, gelesen von der Autorin

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