Keine Abenteuer auf dem Rikehof

Prolog

Das Kind sitzt auf einer Decke, die Decke liegt im Garten – unter einem Baum, in dem ein Buchfink gerade einen anderen anmacht über Gesang. Es ist Nachmittag. Mai! Kiri, so heißt dies Kind, ein Mädchen mit kohlerabenschwarzem Haar und vielen Sommersprossen, aber nur im Gesicht, überlegt. Wie sie, ohne Leid zu verursachen, zurück zum Haus kommen könnte, das überlegt sie. Nicht sie hat die Schmerzen; sich verlegen, versessen, oder Ähnliches … Kiri – will keine Insekten platttreten, das ist es.

Doch 2001 ist Kind Kiri ohne Handy, ohne Google. Kann, ja kann ein Insekt Schmerz denn überhaupt empfinden? Und falls nein, griff dann nicht sein Leben, das – auch wert wäre?

Und die Zehnjährige denkt in diesem Moment – an eigentlich alle Insekten auf der Erde. Akut aber an die von der Decke bis hin zum Haus. Die dort kreuchen und fleuchen. Die sie herniedertrampeln könnte, würde sie irgendwann nach drinnen gehen und oh, sie will so gerne ein Schlückchen Kirschbrause aus dem Kühlschrank …

Kiri legt sich hin. Mit dem Bauch flach drauf auf die Decke, und stemmt die Ellenbogen in die Wolle. Stützt Kinn auf Hände, summt eine Melodie mit mit den Finken, denkt – nach.

Und es wird Abend und sogar 21 Uhr: Kiri muss rein. Es ist zwar morgen gar keine Schule, doch irgendwann muss sie ja hinein und jetzt gerade wird es bereits feucht, ein – guter Anlass.

Und auf der Decke im Garten unter dem Walnussbaum, zehn Meter entfernt vom Haus, kommt Kiri der Einfall. Einfach – gaanz vorsichtig – einen Weg pflastern! Beim Pflastern hochaufpassen, kein Insekt zu quetschen und zu zerquetschen, und dann, so denkt Kiri Murmuri, immer noch stark die Kirschbrause wollend, könne sie ja wieder rein und alle Leute den Garten von da an nur noch auf eben solchen Wegen auch passieren. Man könne vielleicht noch ein paar mehr anlegen, so nach und nach, so geht es ihr durch den Kopf. Und vielleicht auf der ganzen Welt? Ja, am besten auch – auf der ganzen weiten Welt!

Kiri denkt an Mutter und Vater, die in der Nacht im Scheinwerferlicht von Baggern und weiteren Baustellenfahrzeugen – wer weiß, was es zu so einem Pflastern braucht – im Garten einen Weg für die Insekten machen – und für Kiri; natürlich!

Doch dann sieht Kiri die Mutter, die sie sich schnappt, sie unterm Po nimmt und hereinträgt, ins Haus, so dass sie selbst, Kiri, nicht auf den Boden kommt, so aber die Mama! Kiri wäre wohl auch nicht gegangen. Sie weiß kaum, wie ihr geschieht. Ein barbarisches „Nein“ kommt aus ihrem Mund, und: „Wir müssen einen Weg ebnen!“ Es fragt die Mutter noch, wieso, und Kiri sagt auch, wieso, die Mutter ruft den Vater, der soll es auch wissen, und aber Kiri rennt zur Toilette und noch während sie auf der Kloschüssel sitzt, kommt der Groll gegen die Eltern in ihr hoch.

0

Rike, als Kringel, lag an einem äußeren Ende des Bettes, auf dem Kerrin und ich gerade zirkushaften Sex miteinander vollführten; knisternd, artistisch. Kerrin im Zauber. Kiri, wenn du mir noch stärker am Füßchen nuckelst, esse ich später dein Ohr auf. Fuß und Ohr, die gehörten dazu – zu unserem Sex im unteren Stübchen im Haus vom Rikehof, benannt nach meiner alten Katze, dem ersten Tier des Gnadenhofes. Ich gluckste. Wir waren schon so lange befreundet, hatten schon so viele Intimitäten ausgetauscht, dass wir fitzelgenau wussten, was die andere bezirzte. Betörend, rief ich, betörend Kerrin. Die hörte mich jedoch gar nicht, war vertieft gerad. Obwohl es doch mein Ohr war, in dem eine Zunge steckte. Zum Örli nochmal, stieß ich aus. Kerrin ließ nicht ab. Wir kuschelten bis zum Morgengrauen, dann schlief sie ein und ich ging zu den Hähnen. Sodann zu den Pferden, den Minischweinen, den Hühnern, einem Karnickel und Hunden. Natürlich bekam auch Rike eine Schale mit Futter.

Ich stand am Gatter der Esel, als es hinter mir rasselte. Jemand war mit einem alten Rennrad auf den Hof gefahren, und das schepperte etwas. Hallo, ich spende hier Futter! Hallo, wer bist du. Ich bin Rahel. Rahel trug einen hautfarbenen Jumpsuit und eine gelbe Strickjacke. Ihre Stimme klang frech. Doch sie viel eher war auch anmutig, die kleinen Finger spreizte Rahel nach außen ab und die Haltung war von Schönheit. Doch die Stimme ist auch wahr. Sie gab dieser Frau etwas. Zu noch etwas. Ich war verdattert. Dies durchweg. Was hast du denn mit, fragte ich mal. Katzenfutter! Das ist gut, denn wir haben eine Katze. Wo ist sie, ich würde sie gern sehen. Sie ist drin, komm mit rein, ich bin gerade mit Füttern fertig. Und so ging ich mit Rahel nach oben, dort war die Küche, dort war die Katze, und sie umgarnten sich sogleich. Ich machte Kaffee. Schwarz trinke ich ihn, sagte Rahel. Ich auch …

Und wie wir da saßen, draußen das Rot der Sonne, drinnen ein schwerer Duft eines wohl orientalischen Parfums, das sie verströmte, da waren wir uns vertraut.

Rahel erklärte, dass sie es genial fände, ein Gnadenhof. Tiere könnten Leid verspüren, drum nähme man es von ihnen, so es geht. Und vegan ist nicht schwer. So Rahel. Es wäre einfach, sagte sie. Und aber nicht minder von einer Schwere. Das haben viele Sachverhalte an sich, so sie. Man könne die Dinge runterbrechen oder – andere – wären von Anbeginn so. Eine Philosophin Rahel. Sie hat in Halle studiert und war in Skorbe, um zu schreiben. Du wohnst hier? Noch nicht lange, aber ja. Im Speicher. Ich habe die Wände einem Sonnenuntergang gleich gestrichen. Unten sind sie Gelb, werden sodann oranger, und unter dem Dach ist ein rotes Schlafzimmer. Ich sagte, das würde ich gern sehen, und wir holten ein Rad auch für mich, fuhren hinan und zum Speicher, die Wände waren unten Gelb, wurden sodann oranger, und unter dem Dach war ein rotes Schlafzimmer.

1

Kinder und Alte kamen auf den Hof. Wir schufen ihn auch, um Menschen aufzuzeigen, wofür sind Tiere eigentlich da, um zu leben, das ist es. Uns besuchten Gruppen aus Kitas, aus Grundschulen und eben Senioren, es kam da zum Beispiel eine Häkelgruppe. Ich konnte mich darauf jedoch nicht einlassen. War wie gehetzt. Ein Schatten. Wenn ich morgens das große Eisentor öffnete, dachte ich schon an die Babycchinos, die ich zum Frühstück ausschenken würde, war weder beim einen, noch beim anderen und versuchte mich, so oft es ging, etwas abseits zu setzen, bei mir einfach zu sein, atmend und nichts sonst. Da dann war ich mal traurig, mal blühte ich auf, nichts war reproduzierbar, was es nicht schlimmer machte, ich nahm das so an. Schwierig alleinig, wenn ich zurückmusste, da dann wollte ich immer nur weg. Ich kannte das. War nicht immer. War immer mal. Der Hof, das wollte ich. Das im Genauen. Und so war ich im Einklang nahezu jederzeit. Nicht da …

Rahel kam nach drei Wochen wieder. Sie brachte Pellets für die Pferde. Und sie brachte einen Badeanzug. Kommst du mit, ich will schwimmen im See. Ich, ja, wollte. Doch ich kann hier erst am Abend weg. Dann komm ich nochmal wieder. Tats. Am See, ein Stück weg, war ein Mann mit langem weißen Bart. Er stolperte erst die Anhöhe herunter und flog der Länge nach hin. Doch er rappelte sich auf, kramte einen Feldstecher aus seinem Beutel. Damit drehte er sich einmal rundherum, beguckte auch uns. Nackig ging er in den See. Von Weitem sah es als, als hätte er dabei Backhandschuhe getragen. Seine Hände, überaus klobig muteten sie an, und auf dem Kopf schien er eine Mütze zu haben. Schwamm jedoch. Wäre ich allein hier, hätte ich Angst bekommen, eröffnete ich Rahel. Es ist nur Poseidon, so Rahel, Gestalt des Meeres, im See von Skorbe.

Als wir gingen, wirkte ich meine Uhr ab und warf sie in den Papierkorb. Warum, fragte Rahel mich unverwandt. Das ist eine Uhr, die Kerrin mir umgelegt hatte, sagte ich. Und ich eine ihr. Sie waren Ausdruck davon, dass wir unsere Pendants ineinander nicht gefunden hatten. Wir waren zusammen auf Zeit. Was ist jetzt für eine Zeit, sagte Rahel. Ich antwortete nicht.

Wir fuhren zurück zu mir und ich machte einen Kartoffelauflauf. Kerrin schlief schon, da wir früh aufstehen. Rahel und ich waren hungrig von der frischen Luft und vom Schwimmen. Wir öffneten eine Flasche Rotwein. Ich habe vorher Mode gemacht, erzählte ich ihr. Ich holte Entwürfe meiner aus einem Fach im Schreibtisch. Das sind ja Mäuse, entfuhr es Rahel. Denn das waren Bleistiftzeichnungen von Mäusen mit Ballkleidern, im Mantel und mit Shorts. Ja, das sind die Entwürfe, wie ich sie machte, so ich. So etwas habe ich noch nie gesehen, Rahel. Ich auch nicht, ich. Da ich eine Katze hatte, sah ich nie Mäuse, erklärte ich ihr. Und so zeichnete ich mir welche. Mir gefallen die überlangen Schnurrhaare, merkte sie an. Possierlich wäre das ja.

In der nächsten Nacht tüddelte ich zwei Pferden Halfter um, sowie Stricke. Ich brachte sie zu Rahel, das tat ich mit dem Rad. Die Pferde trabten. Ich fuhr. Rahel, die eigentlich verschlafen sein sollte, denn wir waren nicht verabredet, schaute mich durchdringend an. Wir ritten zum See. Taschenlampen leuchteten uns. Wir schwammen. Ein Uhu uhute, und ich aber – fand das zu perfekt einfach; hatte die Vorstellung, etwas tun zu müssen, etwas Besonderes, das zur Stimmung passte. Das lähmte. Wir umarmten uns im Wasser, ich fühlte überbordende Natürlichkeit und wurde sofort ruhig. Das passte dann auch wirklich noch zur windstillen Nacht.

Am nächsten Tag machte ich Kaffee mit der Kapselmaschine. O, wie war dieses Gerät einmal billig gewesen! O, und wie war es schön, mit ihm zu brühen! So also fühlte es sich an, die Umwelt – MAL nicht zu achten. Es war mir ein Ausbrechen, ein richtiges Ausschlagen. Ich kippte Himbeersirup in die Tasse. Als erst der von Hand aufgeschlagene Milchschaum und dann der Kaffee reinkam, verschnaufte ich richtig. Die Kaffeekapselmaschine tat das. Jeder Schluck wie ein Befreiungsschlag. Und es waren auch keine Recyclingkapseln.

Den rosaroten Kaffee stellte ich Kerrin hin. Passte gut zu ihren Gummitieren ganz in Blau. So fand ich es. Ich trank auch einen und Kerrin stierte auf mein Handgelenk. So ist das also, sagte sie. Ja, ganz in so, sagte ich. Und dann legte Kerrin auch ihre Uhr ab.

2

Der neue Hahn am Tag vor der Sommersonnenwende kam aus einer Mastanlage. Ich nannte ihn Hirsch. Ein Hähnchen hatte er werden sollen, nach 42 Tagen Mast. Ein Hahn jedoch wollte er werden und auch wir wolltens. Er stellte sich auf meinen Schoß. Ich hatte mich ins Gras gesetzt zu ihm, unseren bisherigen Hähnen. Kerrin tat es mir nach. Ein Hahn namens Balduin stellte sich auf ihre Beine. So mit Balduin und Hirsch ließ es sich gut aushalten, fanden wir, und Kerrin klatschte in die Hände. Famos so, sehr so.

Am Tag nach der Sommersonnenwende, die ich auf einer Liege draußen verbrachte, in den Himmel schauend, die düsteren Wolken und das bisschen Sonne sehend, rasierte ich gerade meine Beine auf der Terrasse, als Kerrin von hinten kam und ich mir kurzum ins Fleisch säbelte. Mach ich aber sowieso immer, das tat noch nicht mal weh, trotzdem war es ein komisches Gefühl. Nimm Enthaarungscreme, sagte Kerrin.

Meine Achseln machte ich nicht und eigentlich ja fand ich auch Haare an Frauenbeinen schön, doch ich selbst zierte mich, fühlte mich unwohl mit ihnen. Mir war das peinlich. Dass ich nicht mit Haar ging. Es waren aber auch schwarze Haare – kräftig, schwarz. Ich war mit ihnen zur Welt gekommen. Glich einem Monchhichi bei der Geburt.

Kerrin war rausgekommen, um Butoh zu tanzen. Auf einer Box spielte sie selbst aufgenommene Musik ab, eine Cellistin Kerrin. Krasse Disharmonien, wenn man nicht genau zuhören konnte, mag es geklungen haben, als hätte sie nicht spielen gekonnt, das Gegenteil war der Fall. Kerrin trug eine weiße Radlerhose und ein rotes Bustier ohne Träger. Sie begann in einer Figur, die an die Rollerer aus Oz – Eine fantastische Welt erinnerte, sie bewegte sich fort, krabbelnd in der Höhe. Dann klarte sie auf, die Arme schlugen und überschlugen sich nach oben, Kerrin kam ins Gerade. Trat nach außen hinten zurück, dann kurzes Hüpfen, und wieder die Arme, erst die eine Seite, denn die andere, lange ausladende Bewegungen in den Raum, vielleicht ein bisschen wie eine Schwimmerin. Dann fing sie an, den Raum einzunehmen, manchmal machte sie dabei lange Schritte, schreitend fast. Manchmal aber stand sie nur, machte Fäuste mit den Händen, schwang sie auf und ab. Als würde sie zu Techno tanzen, doch in ganz entrückt. Selbst wie Kerrin atmete, war wichtig.

Ich stand abseits mit meinem Rasierschaum noch an den Beinen, und sah ihr zu. Wir tranken danach Lillet. Rahel kam. Wir begannen, über Butoh zu reden, über Zen und minimalistische Klassik, Kerrins Lebensthemen. Es war ein guter Abend, lang, gut. Als ich müde wurde, ging ich rein, ließ die beiden sitzen.

Ich schlief. Als ich fertig war, waren Kerrin und Rahel immer noch in ihren Stühlen, sie hatten Decken über ihren Schößen und tranken Wasser und rauchten. Es war Morgengrauen, es war Füttern. Ich ging allein und als ich wieder hereinkam, hatten sie mir ein Frühstück bereitet. Es gab Früchte und Küchlein. Danach fuhr Rahel. Kerrin ging ins Bett.

3

Unser Australian Shepherd, eine bunte Hündin und mein Maskottchen, hatte Durchfall. Ich nahm sie mit zum Haus, um sie zu beobachten. Ob sie viel Wasser verlöre, ob sie Bauchschmerzen hatte, dies. Sie trank und aß, das waren gute Zeichen. Rahel kam vorbei. Woran schreibst du, fragte ich. Das ist der Mythos der Kugelmenschen, so Rahel, zurückgehend auf ein platonsches Werk, Symposion. Das Gastmahl. Sie erzählte mir davon; davon, dass alle Menschen einst kugelig gewesen wären, mit zwei Gesichtern, vier Händen und vier Füßen. Sie bewegten sich, sich überschlagend, kugelnd auf dem Boden. Es hätte gegeben männliche, weibliche, und auch Mischwesen, halb weiblich und halb männlich. Doch sie wurden aufsässig gegen die Götter, so dass Zeus sie entzweischneiden ließ, so sagte es der Mythos. Und er drohte, noch einmal zu schneiden, wenn die Menschen nicht ein Einsehen hätten und mild den Göttern gegenüber würden. So, einmal auseinander, gab es nur noch Männer und Frauen. Und die Männer starben, und die Frauen auch, denn sie klammerten sich an andere ihrer, und dachten nicht mehr an ihre Versorgung in diesem Klammern. Und da machte Zeus ihnen Geschlechtsteile, so dass sie sich mit ihnen vereinigen konnte, und seitdem gibt es homoerotische Menschen, die früher, als Kugelmenschen, mit demselben Geschlecht zusammenwaren, und es gab Heteros. Die vorher männlich-weibliche Kugelmenschen gewesen waren. Alle noch immer auf der Suche nach einem Gegenüber. Und manchmal war es, es fand sich das einstige Pendant, und dann war es anders, unsagbar, große Schönheit und so weiter. Rahel sagte, du kennst das. Ich, ja, kannte das.

Und ein Gewitter zog auf und wir gingen rein, Shepherd Agatha verkroch sich auch. Ich war an die Programmmusik der Beethovensinfonie Pastorale erinnert und Rahel meinte: Die Musik ist ein Trug für mich. In einem Stück, in welchem laut eine negative Passage ist und leise, unterschwellig, eine positive, so gehe ich mit der negativen mit. Die positive dringt nicht durch. Und aber sie ist die ganze Zeit da. Ich kann sie also nicht vergessen haben, das ist ein wichtiges Detail, fand Rahel. Erst, wenn etwas laut ist, vielleicht mitreißend genug ist, bin ich dort. Ich staunte groß und sagte, ist das so. Ja, bei mir ja. Der Regen peitschte gegen die Fenster, wir machten einen Grog. Legten uns auf Couchen. Ich wünschte, bei Rahel zu sein, wo ein großes Fenster in der Decke der obersten Stube ist, gen Himmel. Ihr Bett steht darunter. Ich habe ja auch ein Bett, am liebsten wäre ich mit Rahel reingekraucht. Ich mag dich, sagte ich. Und ich dich, Rahel. Sie stand auf und gab mir einen Kuss auf die Stirn. Und so saßen wir da, musiklos, und sahen uns an. Lange. Tief. Und wie wir da saßen, schlugen draußen die Blitze ein und die Hunde bellten und wir, wir saßen, nur mit uns und unseren Worten füreinander, später, als wir Hunger bekamen, machte ich uns Pfannkuchen. Die aßen wir mit Sirup und unseren Grogs. Wir waren bald dun und streichelten uns dun, seicht. Ich habe immer von einer platonischen Liebe geträumt, sagte ich. Einer ohne Sex?! Ja. Und warum. Weil ich denke, dass auch ohne Wahres entstehen kann und das ist alles, was für mich von Wichtigkeit ist, das und sonst nichts. Ein Gedanke, der seit Langem in mir ist. Der Sex mit Kerrin ein Zeitvertreib. Wirklich so, genau so. Wir hatten welchen, wenn wir gute Laune hatten oder einfach lax waren, ich war danach immer tiefenentspannt gewesen und feiner in meinen Wahrnehmungen, erklärte ich Rahel. Auch konnte ich mich darüber kennenlernen. Doch es war nie, wie ich war einfach und Rahel sagte, das fände sie schön, wir könnten das so machen. Und von da an war ich zusammen mit Rahel.

4

Es war wie ein großer Behälter Softeis. Das mit ihr. Das war wie ein großer Behälter Softeis! Als ich Kind war, war ich mit meinem Uropapa oft beim Eisladen und wir holten solche Bottiche voll. Manchmal brachte er auch Schaumküsse mit. Die hatten damals noch eine fettgetränkte Waffel unten. Die allein war schon fulminant. Ich war eine kleine Esstrulla. Aber ich mochte nur Süßes haben, alles andere verschmähte ich und so war ich nie dick. Spindeldürr viel eher, drahtig. Ich hatte diese langen dicken Haare, die meine Mutter zu fetten Zöpfen flocht. Mit bunten Bändern umwirkt. So ging ich und so war ich und so war es schön.

Und wir waren lange zusammen. Bis zum Winter. Da waren wir noch mehr zusammen, da wir Kerrin inkludierten, sie fühlte sich allein. Niemand hatte Sex. Kerrin vielleicht für sich. Doch davon wussten wir nichts. Rahel und ich jedenfalls, wir dann hielten es so, so sexlos so, und das war für mich die beste Zeit meines Lebens.

Am 6. Dezember veranstalteten wir unsere Weihnachtsfeier. Es kamen Kinder von allüberall und mit ihnen kam Marcus auf den Hof. Er war mit einer Gruppe von behinderten Kindern da, und Kerrin hatte gleich ein Auge auf ihn geworfen. Marcus auch auf sie, so schien es, sie wichen am ersten Tag ihres Sehens kaum voneinander, nicht bei der Wanderung mit Ponys in den angrenzenden, an diesem Tag matschigen Wald, nicht beim Schmaus mit Bratäpfeln und Kinderpunsch. Und von da an kam Marcus öfter. Und lauschte Kerrins Cellospiel und ging mit ihr ins Bett.

Heiligtag machten wir einen langen Spaziergang im vom Raureif belegten Wald. Kamen durchgefroren nach Hause. Marcus und Kerrin kochten. Sie kochten Spätzle mit Mohn und geröstetem Rotkohl. Rahel und ich machten einen Polentakuchen mit eingelegten Pflaumen, dazu gab es Glögg. Wir aßen und tranken vegan auf dem Hof, und auch Rahel lebte vegan, bevor sie kam, zu uns kam und aber Marcus war Flexitarier und aß einmal die Woche Fleisch. Wir bezirzten ihn und er sagte, auch er wolle versuchen, des Tierwohles wegen auf Fleisch zu verzichten und gar nicht erst den Umweg über den Vegetarismus zu nehmen, sondern auch gleich ganz und völlig vegan zu werden. Massentierhaltung ist Schrubbel, sagte ich, außerdem werden Milchkühe, wenn sie keine Milch mehr geben, auch getötet, es ist also gar nicht vegetarisch. Zudem, die Milch ist Kälbermilch und für uns kein Lebensmittel. Lebensmittel verstanden wir als vegan und nur damit fühlten wir uns wohl und wie wir.

Nach dem Abendessen musizierten wir zusammen. Rahel blies auf einer doppelten Pfeife, wie Native Americans sie hatten, und ich klimperte auf alter Harfe. Kerrin spielte Cello und Marcus sang. Er konnte sehr schön singen, fanden wir, und so spielten wir nicht nur Es ist ein Ros entsprungen, sondern auch Es wird scho glei dumpa und Es ist für uns eine Zeit angekommen. Dieses Lied hatte ich schon immer geliebt und dies Fest war so besonders, ich in der ersten sexlosen Liebe, einer mit Rahel auch noch, und dann mit Freunden auf dem Gnadenhof, das war so hinreißend, dass ich mich danach setzen musste, um zu verschnaufen, ja, so war das.

Wenn was zu schön, so war es bei mir oft wie beim Nachtschwimmen, ich konnte das nicht gut verarbeiten. Dachte, ich müsse etwas dem Augenblick gleiches sagen, und ich konnte das dann auch nicht verwinden, ich fühlte mich wie zwischen Stühlen und es ging mir nicht gut, gerade in diesen ja eigentlich schönsten Momenten nicht gut. Manchmal gab es entwaffnende Momente. Selten das.

Und Rahel schenkte mir ein Nachthemd mit einem selbst- und eigens für mich geschriebenen Buch. Eine Aussuchgeschichte. Wenn du denkst, Wahrheit ist essentiell, lies weiter auf Seite 9. Wenn du denkst, sie ist alles, und nicht ein Wie, ein Wie, das essentiell sein könnte, dann lies weiter auf Seite 15. Um Philosophie. Ich ihr einen Salzstreuer, denn wie in dem Märchen der Salzprinzessin liebte ich sie wie das Salz. Sie war für mich wie welcher. Das ja ganz eindeutig. Rike bekam Katzenmilch, eine Stiege. Reich an Vielem schliefen wir in dieser Nacht ein. Vorher noch gab ich Rahel Fotos von mir, die ich selbst gemacht hatte und auf denen ich splitterfasernackt war. Hoffentlich findet sie es nicht sexuell, hatte ich gedacht, und aber sie fand es nicht. Sie sah nur, aus den Fotos rührte eine Natürlichkeit.

Am nächsten Morgen nahmen wir uns Decken und lasen uns gegenseitig Daheim von Judith Hermann vor. Wir fanden das großartig. Hermann. Das Lesen auch. Wir kuschelten kräftigst. Dazu aßen wir einen Schoko-Gewürzkuchen, Marcus hatte den gebacken. Zum Mittag gab es Möhrenpommes mit Orangensplittern und Wildkräutersalat. Nach dem Essen Wald mit Schneetupf. Rahel knipste. Die Bilder rahmte ich später, machte ein Triptychon daraus für in der Küche. Wir formten Schneebälle, die wir in die Wipfel warfen, um uns einzupudern, ein Zuckerguss über uns. Am Abend duschten wir, um hinterher Glögg zu gluckern. Wir waren sehr uns und Rike umtanzte uns. Auch davon machten wir Fotos.

In der Nacht auf den zweiten Weihnachtstrag träumte ich. Wir alle wären obdachlos, und ich, ein Mann, hätte meine Monatsration Tabletten auf einmal verbraten, halb eingeworfen, halb verschüttet. Und es waren betäubende ihrer. Und ich wollte neue. So ergaunerte ich mir welche, die Polizei war auf der Hut, aber ich schaffte es. Doch dann war auch noch das Päckchen Zigaretten alle … Alle Obdachlosen trafen sich in einem Tiefgaragenkomplex und fuhren mit Autos, ein Videospiel, dann eröffnete anbei ein Hotel, sehr luxuriös. Wir schafften es, uns durch ein ausgeklügeltes System Zutritt zu verschaffen, wir warfen uns in schöne Kleider, die man dort leihen konnte und die wir behielten, und ließen uns die Haare legen. Einer lernte den Beruf eines Zahnarztes auf stümperhafte Weise, mit dem Bohrer ins kalte Wasser geworfen, an einer Puppe, der er den Mund zerfetzte. Dann ein Pilot, der Halt machte am Hotel, und der alle Bediensteten hätte gekannt, und er kam auf einen Ball, den wir veranstalteten, nur für uns und sah ihm fremde Menschen, in pompösen Kleidern, und mit Pickeln von den Drogen, der schöne Schein wich in dieser Nacht. Auf einmal platze eine Gruppe Gäste ins Hotel, denen unsere Zimmer zugeteilt wurden. Wir standen in den offenen Zimmern, eine rasierte sich vielleicht gerade die Beine, der andere putzte Zähne, und dann stand auf einmal ein wahrer Gast vor ihm im Zimmer, die Türen in diesem Gang offengelassen, im Schreck. Eine von uns, die war nicht dabei. Die schaffte es später, den Absprung zu schaffen und vom Hotel übernommen zu werden. Es war meine Freundin. Sie tanzte dann auf einer Hügellandschaft an einem Seil, sie sprang weit darüber, schwebend, aber auch flapsig. Es war die ganze Zeit klar, so schön das ist, es wird ein schlimmes Ende nehmen, denn was sie tat, das beherrschte sie gar nicht, wie es bei uns allen gewesen war. Es kam so, sie klatschte auf den Boden, noch in einer schönen Pose, es sah alles harmlos aus doch war es das nicht. Es war brachial. Man sah sie in einer Art Kokon und sie sah unversehrt aus, doch zerlief es wie Schaum in einer Badewanne, und es wurde deutlich, dass ihr Gesicht nicht mehr wiederherzustellen wäre, auch Weiteres von ihr nicht. Der Traum hatte ein zu übertragendes Moment. Wir alle obdachlos, was wir zu haben glaubten, hatten wir nicht.

Das fand ich einerseits schön. Dazu ein Andererseits. Es war wohl so, die Vorstellung hatte ich früh. Und doch, ich wollte sagen, ich bin dein, Rahel. Du bist mein, Rahel.

Wir schippten an diesem Tag erst Schnee. Der Hof unter einer Decke an Flirrweiß. Wir begannen, die Tiere zu pflegen, und den Baiser durchbrachen sodann Dreckflecken. Das hätte ich früher nicht erkannt. Heute sah ich einen Reiz. Fragte mich, was darin lag. Vermochte es gleichsam nicht zu sagen. Der Matsch, der Dreck, aufgerissener Schnee, ganz angeschmutzt. Und am Rest dieses Tages saß ich mit Rahel im Bett, ihrem, wir tranken Portwein und lasen Ponyweihnacht von Erwin Strittmatter. Wir waren zu ihr herübergestapft, dick eingepackt, darunter noch unsere Nachthemden, die hatten wir angelassen und gewaschen, das hatten wir uns auch nicht. Bei ihr das Entblättern und die Nachthemden, die ließen wir nur an. Ich trug mein neues. Es war gelb und aus Satin, mit hauchdünnen Trägern, und simpel in Midilänge.

Ich sagte, das kann ja sein mit den Kugelmenschen. Es erklärte. Was war. Rahel: Ich fühle das auch. Ich streichelte ihr struppiges Haar. Blond. Struppig wie immer, sie kämmte das nicht, es sah wie toupiert es, es war wie toupiert und warum daraus keine Dreadlocks wurden, wusste niemand. Sie hatte kurze der Haare. Eine einfache Frisur, und dann so. Verstrubbelt so. Fand das schön. Danach streichelte ich Rahels Waden. Ihren Po. Da war was dran. Auch ich war da dran. Es war Graustufe. Wir waren uns nah. Waren uns zart. Es war kein Sex doch waren da deckungsgleiche Mengen. Die für mich schön waren, durchaus das, sehr das. Und was wären dann wir. Auf den Mythos der Kugelmenschen übertragen. Rahel: Vielleicht ist da das Wissen, die ganze Zeit. Das Wissen, wie es ist, zu sein eins.

5

Die vier Ziegen, die wir noch vor Silvester bekamen, kamen aus Missständen in der Haltung. Die Besitzerin war einsichtig. Wir hatten vor, nach einer Familie für sie zu suchen. Einer mit Gehege oder einer, die eines bauen würde. Wir telefonierten und wie wir das taten, fanden wir die Schröders.

Wir behielten die Ziegen, bis sie einen Auslauf gebaut hatten. Und so hatten wir jetzt vier ihrer, und hatten sie gerne und päppelten da viel. Silvester tanzten wir. Auseinander und bei uns in der Stube. Marcus und Kerrin sangen mit. Wir hörten Genesis. 20 vor 12 nahm Kerrin ihr Cello und begann eine Improvisation. Sie spielte bis 0, dann sprang sie an Marcus hoch. Rahel und ich sahen uns an. Legten die Arme umeinander, schunkelten. Und draußen begannen die Tiere zu quaken, die Nachbarn knallten zwar nicht, des Hofes wegen nicht: Doch entfernt war etwas zu hören. Wir hatten vegane Quarkbällchen gemacht. Mit so Auswüchsen aus den Kugeln. Knorrig.

Schröders hatten das Ziegengehege am 15. Januar fertig. Die Ziegen zogen um. Und am Morgen des 19. fand ich einen alten Mann im Unterstand des Offenstalles, in dem sie gewesen waren. Er schnarchte, er schlief. In einem Schlafsack und unter Decken. Ich weckte ihn. Es war sehr mild an diesem Tag, und doch. Guten Morgen, ich bin nur Herbert. Herbert, was?! Ich ulkte. Aber Herbert, die Frage ist auch, was du hier machst. Ich quatsch mit dir. So Herbert. Wer bist du eigentlich! Ich bin Kiri, erklärte ich. Kiri Murmuri! Mir gehört dieser Hof. Dann ist ja gut, so Herbert. Kann ich weiterschlafen. Ja. Im Haus. Und ich bugsierte Herbert hoch und da rein. Er roch. Kam in eine kleine Stube mit Radio. Das machte er gleich mal an. Wippte zu Sultans of Swing von den Dire Straits mit. Möchtest du baden? Gerne. Ich ließ ihm ein Bad ein. Mit Kiefer. Er badete lange, mehr als eine halbe Stunde. Dann duftete er schön, gerade auch in den Sachen von Marcus, die ich ihm hinlegte, und ich stellte ihm bald Kerrin vor. Kerrin fragte nicht, wieso, dies, sondern, ob er Hunger hätte. Hatte er. Kerrin machte schnell Pfannkuchen. Mochte er, das auch sehr. Er streichelte Rike. Herbert, erzähl einfach mal, sagte ich, nachdem er einen Berg an Pfannkuchen mit Sirup vertilgt hatte und weiter mit Rike tat. Nun, ich bin seit zehn Jahren auf der Straße, so er. Eigentlich auf der Straße von Krantz. Wo auch Marcus lebte mit dem Auto 20 Minuten entfernt. Ich bin an Silvester in einen Bus gestiegen, hier ausgestiegen. Dann sah ich die Ziegen. Sie waren so zerbrechlich, aber auch so voller Zuneigung, dass ich manchmal wiederkam. Bis sie nicht mehr da waren, und da übernachtete ich. Es ist arschkalt draußen, Herbert, meinte Kerrin und: Du bleibst. Du kannst in der kleinen Stube schlafen. Das Radio hast du ja schon kennengelernt. Es, ja, gerne! So Herbert. Und von da an gaben wir auch einem Menschen Obdach.

Rahel hatte Geburtstag am 12. März. Herbert machte einen Eiskuchen aus Heidelbeeren. Wir aßen ihn zum Frühstück. Herbert machte Suppen, Aufläufe, Kuchen. Er ging darin auf. Hatte auch früher gern gekocht und gebacken. Das erzählte er uns. Rahel nahm sich ein Stückchen des Eiskuchens nach. Dazu tranken wir Sekt aus Gläsern mit Zuckerrand. Nach dem Essen machten wir eine Polonaise. Warfen uns überschwänglich in die Sessel. Herbert erzählte von einer Katze, die ein Wollknäuel verschluckte. Katzenkinder bekam, und die hatten Pullover an. Ich habe von Obdachlosen geträumt bevor du kamst, sagte ich.

Und Herbert war voll Glück, dass wir ihm ein Dach und eine Arbeit gaben. Er machte alles, was auch wir machten. Mit Tieren konnte er. Und entschied sich sogar für eine vegane Ernährung. Lebte vorher vegetarisch. Das war einfach so gekommen, hatte er gesagt. Mit dem Vegetarischen. Und er fände das gut mit dem Veganen und würde da gerne mitmachen. Wir lachten viel zusammen. Herbert, er war aufgeschlossen. Tolerant auch. Das ging alles gut. Er wollte das Klavierspiel erlernen. Sagte, das wäre schon lange sein Wunsch, er könne gut hören, sagte er, und mit einem Klavier lässt sich viel übertragen, so Herbert. Wir kauften ihm eines, ein Stagepiano, das passte in sein Zimmer. Und Herbert begann, in die Musikschule zu gehen mit 70 an Jahren. Doch wir hörten ihn immer nur zehn Minuten spielen. Das das Maximale. Wir sagten zu Herbert, was ist das mit dir und Herbert eröffnete uns, dass er es nicht wisse, es würde ihn eine Überwindung kosten, zu üben. Jedes Mal. Wie eine Sperre. Und wir waren traurig und er spielte seine zehn Minuten weiter und irgendwann – hörte er mit der Musikschule auf, das ja brachte nichts. Von uns konnte niemand Klavier spielen, doch wir ließen es stehen, Herbert wollte das. Das bloße Dasein dieses Körpers beruhigte ihn. Und wer wusste es, sagte er, vielleicht wäre es zu anderem Zeitpunkt anders. Dass es nur eine Phase. Er würde sich immer mal wieder daransetzen wollen und dem nachgehen, so Herbert. Und saß auch alle paar Wochen vor dem Klavier, immer für ein paar Tage, doch es wurde nicht. Und Herbert war missmutig. Und traurig. Und enttäuscht, und wir waren das auch.

An einem Abend im Juni rief die Amtstierärztin an. Ein Pferd müsse dringend aus den bisherigen Verhältnissen. Könnt ihr … Und wir konnten. Das Pferd muss alleine stehen, sagte die Ärztin. Wäre das möglich. Und ja.

Warum es das musste, sagte sie auch. Es wäre misshandelt worden sehr wahrscheinlich. Es würde gegen andere Tiere und Menschen nicht wohlwollend sein, beißen viel eher, um sich schlagen. Und wir nahmen das Pferd und gaben ihm den Namen Reini. Und Reini stand allein in seinem Offenstall, in dem vorher die Ziegen wohnten, man durfte ihm nicht zu nah kommen, das taten wir nicht, und wiesen auch alle Besucher des Hofes darauf hin.

6

Als ich an einem Abend mit Heu in den Armen aus dem Stall kam, sah ich Herbert am Zaun von Reini sitzen. Er streichelte ihn. Wie hast du. Mit Warten, so Herbert. Er habe sich einfach an den Zaun gesetzt – und gewartet. Und Pfefferminzdrops hätte er mitgehabt, für Pferde welche. Soso. Ja, so, ja. Von da an saß Herbert jeden Tag bei Reini. Irgendwann konnte er reingehen. Er begann, dünne Röllchen zu machen am Rumpf des Tieres und sie hin- und herzurollen. TTouch-Methode, er hatte das Buch in meinem Regal gefunden und es gelesen. Besänftigte damit Reini und Reini ließ sich nur zu gern besänftigen. Die beiden wurden Freunde. Unermüdlich ging Herbert hin. Er begann auch, ihn in den nahen Wald zu führen. Mit ihm zu longieren. Wirst du dich eines Tages raufsetzen? Ja. Wir staunten so.

Und Herbert erzählte. Von seinen Großeltern, die einen Bauernhof gehabt hatten, wo er als Kind und in der Jugend geritten war. Er erzählte von einem Geheimgarten, den er dort hatte. Ein von Hecken umwuchertes kleines Stück mit Bäumen darin, einem Teich. Darin auch ein Baumstumpf, auf dem er dann saß – und komponierte. Lange Ketten Musik entstanden in seinem Kopf, er improvisierte, und empfand schon damals eine ungeheure Wichtigkeit dazu. Es sollte, so irgendwann, einmal hörbar gemacht werden, das nahm er sich vor, zutiefst und sehr vor und er sagte sich damals, dass es egal wäre, wann, es nur sollte eines Tages geschehen. Und so kauften wir Herbert auch einen Laptop und installierten ihm Cubase. Und er begann, die Bedienungsanleitung zu lesen, und zuerst nur ganz kleine Stücke einzuspielen, er sagte, ich kann noch nicht realisieren, was genau ich im Kopf habe. Es fehlte, die Klänge umsetzen zu können, und es fehlte, die Töne beim Einspielen zu treffen. Doch er bleib dabei und wurde besser. Die Stücke immer noch kurz, je um eine Minute, doch die angerissenen musikalischen Ideen fanden wir besonders. So bekam das Klavier doch noch seine Bestimmung.

Rahel und ich saßen bei Rahel, als sie mir eröffnete, ich mag keine Abenteuer. Ich auch nicht, sagte ich, und sogar unsere Gründe kongruent. Ein Abenteuer, das ist an einem anderen Platz. Wir waren gerne an den unsrigen. Taten, was wir liebten. Wir mussten nicht Ausschau halten und wir mussten nicht aufbrechen. Wir waren in unserem Dasein, waren da gerne. Wir fanden raus, wir wollten auch nicht frech sein. Lag uns nicht. Frech – ist auch an einem anderen Platz als dem, wo man ist, gerne und aufrichtig, und frech, das wäre aufgesetzt. Trotzdem hatte Rahel ein wenig frech ja geklungen, als ich sie das erste Mal sah. Eine Art davon, ihre, unüblich. Und wenn wir mal reisen, fragte Rahel. Was tun wir, unfrech und ohne Abenteuer. Du könntest jetzt weg, Herbert und Kerrin sind da. Sonst wäre dies bei einem Hof nicht möglich und so war ich lange nicht gereist. Ich würde gerne nach Amsterdam, sagte ich. Und nach Prag. Das Flair der Städte umwob mich. Ich nach Island, sagte Rahel. Das fände ich auch schön, ich. Und ja, vielleicht einmal. Vielleicht einmal.

Erst einmal meldeten wir jedoch Herbert bei einer offenen Bühne an. Eine Kneipe in Krantz machte eine. Herbert war sehr durch, als es soweit war. Er wollte einige seiner Stücke live einspielen. Und das Publikum saß andächtig und als er fertig war, toste es. Herbert deutete eine Verbeugung an, das sah schön aus, fanden wir. Kerrin, Marcus, Rahel und ich waren mit. Und das mussten wir auch, Herbert die Hand zu streicheln vorher. Auf der Fahrt zum Hof, sagte er kein Wort. Wir sahen ihm an, dass er glücklich war.

7

Ich schrieb Rahel einen Brief in Kalligrafie. Das machte ich immer mal und auch da. Ich schrieb, Rahel, du bist mir ein Ein und bist mir alles, und ich mag deine Hände so, dein Po ist aber auch nicht ohne. Wenn deine Hände mich streicheln, ist es mir, als wenn Sonne dies täte, sie umspielte, flirrend und in Milde. Ich schrieb, dass es sehr wichtig für mich, dass sie nie im Begriff war, zu gehen. Ich wusste, sie bleibt mir und immer und. Und ihre Stimme war wie die einer Bärin für mich. Nie schrill, weich vielmehr, und so sehr liebreizend. Ich hörte ihr gern zu. Es war egal, was sie sagte. Die Stimme nur und nur mir eröffnete sich das, Rahel sagte, es wäre noch nie jemand dermaßen darauf abgefahren. Ich hatte nicht den Hintergrund wie sie, doch erkannte ich immer etwas aus den philosophischen Ausführungen ihrer. Etwas wahrheitsgleiches, wahrscheinlich war es eine Wahrheit. Und ich verglich sie erneut mit einem Bottich Softeis. Ich dachte, das würde ihr gefallen, und wie sie mir wiederschrieb, war es so. Sie schrieb, meine Augen seien für sie besonders. Deine Augen, deine Augen. Und dein Mund hat immer einen Schatten Morgenröte drauf und deine Augenbrauen erinnern mich an einen Wiedehopf, schrieb sie.

Und Kerrin tanzte Butoh an einem Morgen im August, wir waren alle da und Kerrin sagte, tanzt auch ihr. Ein jeder könne das, das Butoh. Und so setzten wir uns alle auf den Boden. Und griffen nach hinten, legten die Oberkörper schräg, und wo der eine in der Erde strich, da beschrieb ein anderer Kreise in die Luft. Ich zeichnete einen Halbmond mit einem Arm. Dann stand ich auf und auch der nächste. Am Ende standen wir alle, und hatten die Hände oben und schüttelten sie nach oben aus. Hund und Katze liefen um uns.