Der Nachthauch ist silbrig am Morgen

Karola hatte den Weg durch den Wald gestern schon genommen. Sich bei einem Wohnmobil erschrocken. Das da stand und sonst nicht. Heute – war sie wieder an dieser Gabelung, mal nicht joggend, gehend nur, und nahm sich vor, dass es dieses Mal – anders wäre, aber – nein. Oh, stieß sie aus, und, schon wieder, und ich wusste doch, dass es kommt, und, es ist doch nur ein Wohnmobil. Sie konnte den Blick nicht abwenden. Mitten im Wald, dies Wohnmobil, nahm sich unwirklich aus. Es war niemand zu sehen. Karola ging vorbei. Kam an einen Mammutbaum, darunter – blitzte es inmitten Farn. Der Blick der alten Frau fixierte sich. Blieb heften an – ja, was war es, es war eine Brosche, und sie war schön, mit dem opaleszenten Oval in der Mitte schön, und den gerandeten Blütenblättern, moosgrünen. Karola betrachtete es lange da. Nahm die Arme ein wenig hoch und besah die Brosche, dahinter der Wald. Sie war geöffnet. Zwei Initialen, ZL.

Den ganzen Weg nach Hause nahm Karola die Brosche nicht aus der Hand. Dort legte sie sie auf den Küchentisch. Immer, wenn sie in die Küche ging, fiel ihr Blick als erstes darauf. Am Abend trank sie einen Karamelltee und brach sich große Stücken eines selbstgebackenen Brioches ab. Sie nahm die Brosche einmal hoch und hielt sie an den Busen. Sie steckte sie sich nicht an. Hielt sie einmal da. Es hatte etwas Würdevolles.

Am nächsten Tag ging sie schnurstracks zum Wohnmobil. Ein vielleicht vierzigjähriger Mann stand daneben, überaus dick, sehr wohlgelaunt, und Karola dachte, der gehört nicht zu diesem Fahrzeug. Er passte ja gar nicht hinein! Hallo, rief der Mann. Hallo, Karola zurück. Sagen Sie, ist das Ihres? Das Wohnmobil. Ist es Ihres. Es, ja, gehört mir, sagte er, und Karola offenbarte, ich bin gestern hier vorbeigekommen und habe etwas gefunden – das vielleicht ebenfalls zu Ihnen … Vermissen Sie Schmuck? Ich, nein, das tue ich nicht. Was machen Sie hier eigentlich. Ich camp. Aso. Ich bin noch einen Monat hier, sagte der Mann, legte seinen Kopf schräge. Ich wohne im angrenzenden Dorf, erklärte Karola. Dürfte ich bei Ihnen telefonieren? Der Mann. Karola sagte, Sie haben kein Handy? Nein, die mag ich nicht. Gut, machen Sie das bei mir, sagte Karola. Heute Abend? Gerne. Bis dann.

Karola ging wieder in ihr Haus am Rande des Waldes. Machte sich eine Brause selbst, Mango, und dachte nach. ZL. Was könnte das bedeuten. Der letzte Buchstabe im Alphabet und ein L. Am Ende Liebe? Und Karola ging raus und setzte sich an den lachsfarbenen Oleanderbaum. Vielleicht eine Frau Zyrah Luise, die in Prag bei einem Goldschmied diese Brosche sah, und sie sich für diese Stadt nahm, die Stadt Prag. Sie darin erblickte. Und die Brosche gleich ansteckte gegen üppig Scheine. Zyrah Luise mag die Brosche immer dann getragen haben, wenn sie sehr aufgerüttelt war, nah an sich selbst, nah am Leben. Und in diesem Wald? Der Fall Prags?

Karola dachte, ich würde sie aufschreiben wollen. Der Brosche‘ Geschichte. Da raschelte der Oleanderbaum. Und hinten bei den Stachelbeeren ging Lara. Die Katze. Stapfend durch das hohe Gras. Das sah anmutig aus. Putzig auch. Als am Abend Rory kam, Mann des Wohnmobils, hatte Karola Brot gebacken und dazu Butter und gegrillte Maiskolben gelegt. Die beiden erzählten, Sekt dazu. Vielleicht war die Brosche die einer Adligen, Lanka Zumbär, und es war nur eines von vielen Stücken Schmuck in ihrem Besitz, aber vielleicht eines, das sie als Kind irgendwo stibitzt hatte, um nicht alles immer nur geschenkt zu bekommen. Vielleicht ja, lachte Rory, schmunzelnd Rory. Er vergrub die Arme unter einer warmen Decke, es war ein kühler Abend im September. Als er wieder zu seinem Wohnmobil ging, legte Karola sich ins Bett, schlief bis 7, die Sonne hatte sich in der Brosche verfangen. Wurde zu einem silbern Oval an der Wand. Karola blinzelte das an. Vielleicht stammst du von einem Schnitzenden. Der dich aus Sonnenstrahlen schnitzte, dachte Karola, sah die Brosche an, ganz verschmitzt.

Oder du gehörst einer Köchin. Die mal Mode studieren hatte wollen, doch niemanden hinter sich hatte, Eltern oder so, und die sich diese Brosche von ihrem ersten Gehalt als Köchin kaufte, als Andenken an den Traum. Und Karola dachte, und wenn du einer Transfrau gehörst, der du immer Mut gabst, sah sich dich nur an. Und wenn, und ja, und dann setzte sie sich vor ihr Tablet und ging in Google, ZL Goldschmied gab sie ein, eine Reihe ihrer erschien, und Karola beguckte all das; dachte, nein, nein nein, auch hier, und dann kam Zach Lavern, der schöne Dinge zwar fertigte: Doch die glichen dieser Brosche nicht. Karola ging zum See. Schälte sich aus ihrem altrosafarbenen Empirekleid und ging ins Wasser. Klirrend kalt war es. Erdend. Als sie rauskam, waren ihre grauen langen Haare angeklatscht. Zurück am Haus stand davor eine Frau, stellte sich vor mit Miriam Levande. Ich habe meine Brosche verloren. Ah! Karolas Augen leuchteten. Wie sind Sie auf mich gekommen? Rory. Ah! Ja, ich habe eine, sagte Karola. Bitte kommen sie herein.

Die Frauen setzten sich, Miriam begann, zu erzählen. Über ihren Urlaub in Markre und den Spaziergang im Wald. Karola sagte, sie hatte begonnen, sich Geschichten auszudenken, wäre an der echten interessiert. Miriam: Ich habe die Brosche als Kind im KZ gefunden. Es gäbe keine Geschichte. Sie ging. Karola dachte, im Angesicht des Todes sind alle Geschichten wahr. Ein Augenblick aus Parallelen. Parallelen der gesamten Möglichkeiten der Welt. Sie schrieb.